Sport : Fröhliche Wissenschaft

Stefan Hermanns

Der Journalist aus England wandte sich an den deutschen Kollegen. Was mit Rudi Völler los sei? Sein Gesicht. Diese Anspannung. Das habe es früher nicht gegeben. Ach früher! Als Völler noch der liebe Rudi war. Diese Tage scheinen vorüber. Spätestens seit Februar, als die Franzosen in Paris die Illusion zerstörten, die EM in Holland und Belgien sei für die deutsche Nationalelf nur ein Betriebsunfall gewesen. Völler ist ernster geworden. "Das ist doch menschlich", sagt er selbst. Weil die Situation des deutschen Fußballs eben nicht lustig ist, vor allem im Moment nicht, und "dass man da nachdenklich wird, ist nur logisch", findet der Teamchef, der im Zweifel für alles Übel verantwortlich gemacht würde.

Wenn man die Mannschaft in diesem Jahr auf ihren wichtigsten Stationen begleitet hat, von Paris über Athen, München, Gelsenkirchen und Kiew bis zum entscheidenden Spiel gegen die Ukraine nach Dortmund (20.30 Uhr, live im ZDF), dann sind einem die Veränderungen im Wesen des Rudi Völler vielleicht gar nicht aufgefallen. Es ist wie bei Eltern, die nicht merken, wenn ihre Kinder größer werden, dann aber feststellen, dass sie ihnen über den Kopf gewachsen sind. So muss man auch Völler erst wieder scherzend erleben, damit man sich seiner verloren gegangenen Lockerheit entsinnt. So wie gestern, als er in der Pressekonferenz gefragt wurde, was er vom Mannschaftsquartier in Dortmund-Barop halte. "Gehören Sie zum Hotel?", fragte Völler zurück.

Ein bisschen seltsam ist es schon. Da wird tagelang nur vom Druck geredet vor dem wichtigsten Spiel der Deutschen seit dem EM-Finale 1996. Die Journalisten spaßen schon vor der finalen Pressekonferenz über immergleiche Worthülsen, die sie seit einer Woche hören - und dann folgt eine witzige Veranstaltung. Es war fast wie bei Nietzsches "Fröhlicher Wissenschaft": eine Lustbarkeit nach langer Entbehrung und Ohnmacht. Seltsam war das auch, weil neben Völler Jens Nowotny und Marko Rehmer angekündigt waren, zwei Defensivspezialisten, die nicht gerade für leichte Unterhaltung stehen. Und so geht von Dortmund aus die Botschaft in die Welt: Seht her, wir sind locker.

Vermutlich darf man das nicht von allen Spielern annehmen. Wenn Kahn statt Rehmer Rede und Antwort gestanden hätte, wäre der Eindruck mit Sicherheit anders gewesen. "Ein gewisser Druck muss auch sein", sagte Völler. "Ein Spieler wie Oliver Kahn braucht das sogar." So hat jeder seine Strategie, wie er die Anspannung verarbeitet. Der eine zieht sich in sich selbst zurück, braucht innere und äußere Ruhe. Dann gibt es den, der, wie Völler sagte, "viel spricht, viel lacht, andere Dinge macht". Außerdem ist es für die Spieler im gut bewachten Mannschaftshotel nicht schwierig, die Aufregung der Außenwelt zu vergessen. "Wenn man keine Zeitungen liest und den Fernseher nicht einschaltet, meint man, man ist im Urlaub", sagte Jens Nowotny. Obwohl: "Ich würde nicht unbedingt Urlaub in Dortmund machen."

Die Lockerheit leitet sich wohl auch aus dem Hinspiel ab: Die Ukraine hat kein Spitzenteam. Andrej Schewtschenko ist nach seiner Verletzung nicht auf der Höhe, und die Deutschen sind immer noch in der Lage, mit Willen ein Spiel zu drehen. Sicher, "wir werden Schewtschenko auf keinen Fall unterschätzen" (Rehmer). Klar, "man darf sich nicht auf den Schewtschenko versteifen" (Nowotny). Logisch, "die Ukraine hat auch noch andere gefährliche Stürmer" (Rehmer). Aber ja doch, "es wäre fatal zu denken, uns reicht ein 0:0" (Völler). Natürlich, "wir müssen die Konzentration noch mehr auf unser Spiel richten" (Nowotny). Und nicht vergessen: "Die Ukraine hat auswärts besser gespielt als zu Hause". Aber: "Wir werden alles klar machen" (zweimal Rehmer).

Rudi Völler sieht es ähnlich. Den Auftritt am Sonnabend in Kiew fand er "nicht überragend, aber wir haben den Ukrainern gezeigt, dass sie sehr viel tun müssen, um uns zu schlagen". Einen Sieg brauchen die Gäste, um zur WM 2002 zu fahren. Oder ein Unentschieden mit mindestens zwei Toren. Nowotny will mit seiner Abwehr überhaupt "kein Tor zulassen, dann haben wir schon einen sehr wichtigen Schritt getan". Da irrt er. Das wäre der entscheidende Schritt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar