Sport : Fröhlicher Holländer

Felix Meininghaus

Rudi Assauer ist ein medienwirksamer Typ. Bei der Vorstellung des neuen Trainers Frank Neubarth schnappte sich der Manager des FC Schalke 04 eine Limonadenkiste, drehte sie um und stellte sich drauf, um dem Langen (1,93 Meter) in die Augen schauen zu können. Die Fotografen hatten ihren Spaß. Überhaupt ist die Stimmung auf Schalke vor dem heutigen Spiel gegen Bayern München auffallend gelöst. Was in erster Linie daran liegt, dass die wichtigsten Personalien geklärt sind: Huub Stevens verlässt den Klub in Richtung Berlin, für ihn kommt in der kommenden Spielzeit Frank Neubarth.

Das Ausräumen der Unklarheiten hat vor allem bei Stevens einen Stimmungsumschwung bewirkt. Der zuletzt so mürrische Holländer präsentierte sich in der Winterpause locker. Beim Trainingslager, das die Schalker als einziger Erstligist zu Hause statt unter Palmen absolvierten, färbte die gute Laune auch auf das Personal ab. Selbst bei Lauf- und Koordinationseinheiten, für Profis alles andere als Spaßveranstaltungen, war die Stimmung gelöst. Und am Rande des Kunstrasenvierecks stand Stevens und scherzte mit den Rentnern. Da staunten die Beobachter nicht schlecht - so hatten sie den oftmals verkniffenen Trainer noch gar nicht kennen gelernt.

Für Stevens war die Bekanntgabe des Wechsels nach Berlin ein Akt der Befreiung. Dabei scheint der Zeitpunkt, an dem er die Verhandlungen mit Hertha aufnahm, inzwischen keine Rolle mehr zu spielen. Anfang Januar hatte Assauer noch vollmundig angekündigt, er werde Stevens "auf der Stelle achtkantig rausschmeißen", sollten sich die Meldungen bestätigen, nach denen der Trainer schon vor seiner Absage an Schalke 04 an seinen neuen Arbeitgeber aus Berlin herangetreten sei. Mittlerweile sind alle Nachforschungen eingestellt, Manager Rudi Assauer hatte Ruhe verordnet. Da wäre es unpassend, wenn der Manager in die Verlegenheit käme, sich an seinen Worten von einst messen lassen zu müssen.

Stattdessen haben sie sich auf Schalke entschlossen, Harmonie vorzuleben, auch wenn viele prophezeien, die Konstellation mit Stevens und Assauer sowie dem Nachfolger Neubarth auf der Tribüne könnte schnell zur explosiven Mixtur werden. Davon wollen sich der Manager und sein Fußballlehrer, der jüngst von den Schalker Fans zum "Trainer des Jahrhunderts" gekürt wurde, nicht beeinflussen lassen. Assauer betont immer wieder, "das Ding mit Huub bis zum Ende durchzuziehen". Und wenn Max Merkel via "Bild"-Zeitung verbreiten lässt, Stevens werde "schon vor Saisonende zum fliegenden Holländer", nimmt das nicht nur rund um die Arena keiner ernst. Schließlich ist Schalke für den dienstältesten Trainer der Vereinsgeschichte in fast sechs Jahren zur Herzensangelegenheit geworden. Stevens, der 18 Jahre in Eindhoven spielte und trainierte, sagt: "Kein Verein hat mich in einem solchen Maße berührt und geprägt wie der Mythos Schalke." Für einen nüchternen Arbeiter ist das eine erstaunlich pathetische Diktion.

So ganz ohne Nebengeräusche ging der Wechsel auch bei den so brav gewordenen Schalkern nicht ab. Als bei Neubarths Vorstellung gefragt wurde, ob bei der Suche nach einem Nachfolger nicht auch Kotrainer Holger Gehrke oder Nachwuchscoach Klaus Täuber in Betracht gekommen wären, sagte Assauer in seiner schonungslos offenen Art, beide hätten nicht die Qualitäten für die erste Liga. Gehrkes Retourkutsche ließ nicht lange auf sich warten: Einer wie Neubarth könne ihm nichts mehr beibringen, sagte der Berliner und verkündete seinen Entschluss, Stevens im Sommer zu Hertha BSC zu folgen. Vielleicht führt der Weg ja auch schon vorher ins Olympiastadion. Stevens wünscht sich nichts sehnlicher, als mit Schalke noch einmal den Pokal zu holen. Für den Holländer ist das eine reizvolle Vorstellung: den Pokal in der Heimstätte seines neuen Arbeitgebers zu verteidigen - das hätte was.

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