Sport : Froh darüber, anders zu sein

Theodor Gebre Selassie sticht bei den Tschechen heraus – wegen seiner Leistung und Herkunft.

Michael Petrak[Prag]
Fokussiert. Rechtsverteidiger
Fokussiert. RechtsverteidigerFoto: AFP

Theodor Gebre Selassie fällt auf im tschechischen Fußball. Er ist ein äußerst talentierter Rechtsverteidiger, seine Vorstöße und punktgenauen Diagonalpässe sind tödlich für jede Abwehr. Und er ist schwarz.

Nationaltrainer Michal Bilek nominierte den 26-Jährigen erstmals 2011 für ein Freundschaftsturnier in Japan. Er sollte es nicht bereuen, Selassies Leistung war eine Offenbarung. „Theodor war eine Riesenüberraschung, er hat sich ins Rampenlicht gespielt“, lobte Bilek. Spätestens die deutliche 0:3-Niederlage gegen Norwegen im August letzten Jahres öffnete dem Coach dann endgültig die Augen. Die Position des Rechtsverteidigers gehörte fortan dem Mann mit äthiopischen Wurzeln, Routinier Zdenek Pospech konnte mit Selassies jugendlicher Energie einfach nicht mehr mithalten. Als Teil einer Gruppe junger Spieler führte der Shooting-Star die Tschechen schließlich zur EM-Endrunde.

Doch in Tschechien gibt es immer noch Menschen, die der Meinung sind, Selassie hätte wegen seiner Hautfarbe im Nationalteam nichts verloren. „Ich finde das sehr merkwürdig und bin traurig darüber. Ich bin in Tschechien geboren und lebe seit meiner Geburt hier“, sagt er in perfektem Tschechisch. „Ich bin froh darüber, dass ich anders bin.“

Rassistische Auswüchse gehören im tschechischen Fußball eigentlich der Vergangenheit an, vorbei sind die Zeiten, in denen Fans afrikanische Spieler mit Bananen beschmissen. Das hat auch Selassie bemerkt, nur noch selten wird er mit vereinzelten Affenlauten konfrontiert. Dank seines positiven Charakters, seiner Intelligenz und mentalen Stärke kann er damit umgehen.

Bei der Europameisterschaft gilt Selassie als einer der Hoffnungsträger im tschechischen Team. Das ist umso bemerkenswerter, wenn man einen Blick auf seinen sportlichen Werdegang wirft. Vom tschechischen Zweitligisten FC Vysocina Jihlava wurde er 2005 an Velke Mezirici ausgeliehen, einen Viertligisten. „Seine körperliche Widerstandsfähigkeit war damals einfach zu schwach“, erklärt sein früherer Coach Milan Boksa. Selassie überlegte, ob er seine Karriere beenden und sein Katastrophenschutz-Studium fortsetzen sollte. Stattdessen arbeitete er an seiner Physis und setzte sich schließlich doch noch in Jihlava durch. Der Rest ist Geschichte. Einzig Selassies Mutter ist traurig, dass sich ihr Sohn für den Fußball und gegen die akademische Laufbahn entschieden hat. Sie selbst arbeitet als Lehrerin, Selassies Vater ist Arzt. Für einen Fußballer hat der Verteidiger womöglich fast zu viel Intelligenz geerbt, doch genau darin liegt seine Stärke. Er weiß genau, wie er sich auf dem Feld zu bewegen hat, seine Spielintelligenz ist überragend. Und sein Studium hat er noch nicht abgeschrieben: „Wenn ich etwas älter bin, werde ich wieder darüber nachdenken“, sagt er.

Vorerst gilt seine ganze Konzentration aber der EM. Läuft das Turnier gut, steht danach vielleicht sogar ein Wechsel ins Ausland an. Gut möglich, dass die nächste Universität, die Selassie besucht, außerhalb von Tschechien liegen wird.

Michal Petrak ist Redakteur der tschechischen Zeitung „Sport“ und Mitglied im „Guardian“-Netzwerk.

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