Sport : From zero to hero

Berti Vogts rehabilitiert sich im Spiel gegen Deutschland

Stefan Hermanns

Glasgow. In der letzten Minute des Spiels holte Berti Vogts den jungen Helden vom Feld. Der Hampden Park raste. Vor Begeisterung. Kenny Miller, der Schütze des Ausgleichstores, durfte in diesem Augenblick die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums genießen. Als er die Trainerbank passierte, drückte der schottische Coach den Stürmer der Wolverhampton Wanderers an seine Brust. Es war Tommy Burns, der Assistent von Berti Vogts. Der Chef selbst gab Miller kurz die Hand, dann konzentrierte er sich auf die letzten Momente des Spiels. Vogts untersagte sich jede Form von Überschwang, dabei hätte er allen Grund zu Freude und Dankbarkeit gehabt. Wenn auch nur einigermaßen stimmte, was die schottischen Medien vor dem Spiel gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft berichtet hatten, dann hatte Miller seinem Trainer gerade den Arbeitsplatz gerettet.

Schon seit einiger Zeit machen sich die schottischen Zeitungen über Vogts lustig, genauso, wie es früher die deutschen Medien getan haben. Sie konnten keine klare Linie in seinen Entscheidungen erkennen, keine Taktik auf dem Feld, und die Ergebnisse waren auch meistens schlecht. Selbst gegen Österreich haben die Schotten zuletzt verloren, und bei einer Niederlage gegen sein Heimatland wäre der Nationaltrainer, der aus Deutschland kam, wohl nach nur 18 Monaten im Amt schon wieder entlassen worden. Vogts aber hat nach dem Spiel gesagt: „Die Stimmung hier in Schottland ist nicht negativ. Es gibt überhaupt keinen Druck.“ Gewiss, und in Bagdad sind auch keine Amerikaner.

Nach dem 1:1-Unentschieden gegen die Deutschen sprach Vogts davon, dass es „ein großer Tag für den schottischen Fußball“ gewesen sei, „ein großer Tag für meine Spieler“. Es war vor allem ein großer Tag für Berti Vogts. Hinterher sagte er, seit Monaten schon „war alles ausgerichtet auf das Spiel gegen Deutschland“, und wenn das wirklich so stimmte, wenn Vogts die Niederlagen gegen Litauen, gegen Österreich und das nicht weniger blamable Unentschieden gegen Neuseeland billigend in Kauf genommen hat, um Deutschland die Stirn zu bieten, dann ist er mit dieser Strategie ein hohes Risiko eingegangen. Der „Sunday Herald“ schrieb, Vogts habe immer wieder mit solch leidenschaftlicher Überzeugung behauptet, die Schotten könnten gegen die Deutschen bestehen, dass man sich schon Sorgen um seinen Gesundheitszustand habe machen müssen. Am Ende aber hatte Vogts alles richtig gemacht.

„The Mail on Sunday“ beobachtete nach dem Erfolg gegen die Deutschen den plötzlichen Aufstieg des Nationalcoachs „from zero to near hero status“, von null fast in den Rang eines Helden, und neben dem Spieler Paul Lambert, dem früheren Dortmunder, bekam der Trainer Vogts von allen Beteiligten an diesem Spiel für seine Arbeit die beste Note. „Berti bringt seine Kritiker zum Schweigen“, schrieb der „Sunday Express“, und die „Sunday Mail“ berichtete voller Erleichterung: „Das war das Spiel, auf das wir alle gewartet haben. Das uns 18 Monate lang versprochen wurde.“

Der Schotte neigt zum Überschwang – im Guten wie im Schlechten; Berti Vogts hätte sich auf diese neue Welle der Euphorie stürzen können, aber er widerstand dieser Versuchung und bewahrte Würde und Haltung. „Es gibt keinerlei Genugtuung“, sagte er. Ein bisschen Ruhe ist manchmal viel wichtiger.

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