Sport : Frostbeulen für die gute Laune

Warum immer mehr Menschen vom Biathlon fasziniert sind, hat der Weltcup in Oberhof gezeigt – Beobachtungen bei minus 15 Grad

Helen Ruwald

Oberhof. Es ist noch nicht einmal zwölf Uhr mittags, als die letzte der vier Flaschen entkorkt wird und der Sekt durch den Regionalexpress 16039 von Erfurt nach Oberhof/Meiningen spritzt. Aber das ist längst nicht alles: Fünf Paletten Dortmunder Pilsener haben die sechs Männer und vier Frauen vom Borussia-Fanklub Dortmund-West außerdem im Gepäck. Die kommenden Tage, da ist sich der Herr um die 50 sicher, werden „oberaffengeil“. Für den Biathlon-Weltcup in Oberhof haben sich die Fußballfans Urlaub genommen. Sie sind auf alles gefasst, schließlich mussten sie 2002 beim Weltcup in Ruhpolding morgens um drei acht Kilometer zu ihrem Hotel laufen. Sie hatten so lange gefeiert, dass kein Taxi mehr fuhr.

„Oberstdorf wir kommen“, singen die Westfalen im Bus ins Ortszentrum – ein Versprecher. Dass sie in der richtigen Stadt sind, zeigen die signierten Autogrammkarten über dem Fahrersitz: Andrea Henkel, Sven Fischer, Frank Luck und andere Biathleten hängen hier, die den Luftkurort weltbekannt gemacht haben. Die Biathleten vom Leistungszentrum Oberhof gehören zu den besten der Welt, sieben von ihnen nahmen an den Olympischen Spielen in Salt Lake City teil, sechs gewannen mindestens eine Medaille. Die roten Haare von Doppel-Olympiasiegerin Kati Wilhelm, Dritte bei der Wahl von Deutschlands Sportlern des Jahres, sind längst zum Markenzeichen geworden für Spannung und Stimmung in einer Sportart, die immer beliebter wird. Die Live-Berichterstattung im Fernsehen macht die Menschen neugierig. Aus Rostock, Münster und Paderborn sind sie nach Oberhof gereist. 4000 Gästebetten reichen nicht aus. Wer sich erst nach Weihnachten auf Zimmersuche machte, wurde schon mal barsch angefahren: „Wir sind seit August ausgebucht.“

Wie beim Elfmeterschießen

Bus an Bus lädt die Fans am Stadion am Grenzadler ab, oben auf dem Berg. Rentner genauso wie eine Familie mit Kleinkind auf dem Schlitten, eingehüllt in mehrere Decken und blauen Plastiksack. Vorbei am Partyzelt und Buden mit Kuhglocken in allen Größen schieben sich die Leute zum neuen Biathlonstadion, 12 000 Menschen haben darin Platz, außerdem 8000 direkt an der Loipe. Kurz vor dem Eingang warnt ein Schild: „Letzter Glühwein vor dem Stadion.“ Ein wichtiger Hinweis bei minus 15 Grad.

„Biathlon ist wie ein Bazillus“, sagt Werner Schulz aus Neuburg an der Donau. Seit Jahren wohnt der 69-Jährige mit seiner Frau beim Weltcup in Oberhof immer in der gleichen Ferienwohnung, für die Weltmeisterschaft 2004 an gleicher Stelle hat er längst gebucht. Um sich einen guten Platz zu sichern, hat er schon vormittags um halb elf, vier Stunden vor Rennbeginn, den winzigen Klappstuhl aufgestellt und die Isomatten als Unterlage für die Winterstiefel ausgepackt. Glühwein und Kekse im Rucksack müssen für die kommenden fünf Stunden reichen. Wenigstens dröhnt schon der Zillertaler Hochzeitsmarsch aus den Lautsprechern.

Ein paar Meter weiter steht Hans-Heinrich Babbe, auf dem Kopf eine Kappe mit roter Plüschkrabbe, schließlich gehört er zum Fanklub der „Holsteiner Krabben“. Am ersten Tag bekam er schon nach einer halben Stunde „wegen des Frosts Nasenbluten“. Schneeball in den Nacken, dann 45 Minuten „in den Himmel geschaut“, Verarztung beendet. Babbe, ein Mann um die 30, ist morgens schon da, wenn zum Training Sven Fischer seine Runden dreht und jedesmal, wenn er an der Haupttribüne vorbeikommt, anfeuerndes „hej, hej, hej“ aus dutzenden Kehlen ertönt. Die Mischung aus völliger körperlicher Verausgabung beim Laufen und Konzentrationsfähigkeit Sekunden später beim Schießen ist es, die ihn fasziniert. Alles sei so unvorhersehbar. Ein Patzer des Führenden am Schießstand, und alles ist wieder offen.

Wie „Elfmeterschießen im WM-Finale beim Fußball“ ist jedes Schießen für Wolfgang Böttner, 62 Jahre alt und seit 44 Jahren beim Biathlon in Oberhof. Er prüft vor den Rennen die Waffen der Athleten. Aus der Innentasche seines Anoraks zieht er ein altes Foto von sich in Aktion, damals noch mit weißen Kniestrümpfen. Vor ihm liegt ein Bild von Kati Wilhelm. Böttner, mehrfacher WM-Teilnehmer, hat es sich signieren lassen. Wilhelm gefällt ihm, die Entwicklung des Sports auch. Vorbei die Zeiten, wo auf Papierscheiben geschossen wurde und die Auswertung per Hand Tage dauern konnte.

Biathlon live, das ist Fernsehen plus Frostbeulen plus Stimmung. Von der Tribüne sind die Läufer bei der Stadionrunde und – ziemlich weit weg und ziemlich klein – beim Schießen zu sehen, ehe sie in den Winterwald verschwinden. Auf zwei großen Leinwänden erscheinen die Sportler beim Schießen in Großeinstellung, daneben die Scheiben, die sie treffen müssen. Wie im Wohnzimmer. Dietmar Gohren steht direkt in der Kurve unter der Leinwand. Er dreht sich immer wieder, hoch zum Fernsehspektakel, runter zum Live-Event. Die Augen des 58-Jährigen tränen von der Kälte, der Wind bläst von vorne links, und Gohren brüllt „hopp, hopp, hopp“ und „Ricco, lauf, lauf“, obwohl Ricco Groß noch mehr als hundert Meter weg ist. Aber für Gohren ist er ganz nah, er hat jetzt das Fernglas vor den Augen.

Schon bevor der letzte Läufer im Ziel ist, ziehen dutzende Fans in einem Nebel von Atemwolken ab, ins warme Festzelt. Vorübergehend nur. Am Oberhofer Kurpark unten im Ort werden am frühen Abend wieder rund 200 Fans bei der Siegerehrung und Startnummervergabe für den nächsten Tag klatschen und jubeln. Im Freien natürlich. Wenigstens haben die Fans aus Dortmund-West Zimmer im Ort. Ein nächtlicher Fußmarsch bleibt ihnen erspart.

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