Sport : Früh dopt sich

Eine halbe Million junge Sportler nehmen in den USA anabole Steroide – die Pharmaindustrie profitiert und sponsert den Collegesport

Matthias B. Krause

New York. Im Sommer 1986 hätte sein großes Jahr beginnen sollen. Nur ein kleiner Schritt fehlte noch zu Ruhm und Reichtum. Frisch von der Universität von Oregon gekommen, schuftete Greg Schwab deshalb im Trainingscamp der San Diego Chargers. Doch bevor die Saison begann, schickten sie ihn nach Hause. „Ich hatte Glück“, sagt er heute. Sonst wäre er vielleicht wie Lyle Alzado geendet. Der damals in der gesamten National Football League (NFL) gefürchtete Defensiv-Mann starb 1992 mit 43 Jahren an einem Gehirntumor, vermutlich ausgelöst durch 20 Jahre extensiven Dopings.

Greg Schwab dagegen lebt. Er ist 40 und stellvertretender Direktor eines Gymnasiums in der Nähe von Seattle im Bundesstaat Washington. Aber er war wie Alzado: 1,90 Meter groß, über 150 Kilo schwer, ein körperlich übermächtiger Verteidiger – dank der Steroide. Heute tut Schwab das, was Alzado in den letzten Monaten seines Lebens auch versuchte: Er predigt seinen Schülern die Abkehr vom Doping. „Der Wind kommt immer von vorne“, sagt der Sportlehrer, „immer.“

Das ist eine beschönigende Beschreibung für einen Kampf, der in den USA längst verloren scheint. Da passt die jüngste Affäre um die Designer-Droge Tetrahydrogestrinone (THG) nur zu gut ins Bild. „Wir sind eine Gesellschaft, die an Chemie glaubt“, sagt Schwab, „man kann einfach alles kriegen, ob im Internet oder im Drugstore um die Ecke. Bei GNC kosten 60 Kapseln Androstenedione 34 Dollar und 99 Cents.“ GNC ist eine Laden-Kette mit 5300 Filialen in den USA. Androstenedione machte der Baseballspieler Mark McGuire bekannt, der 1998 einen Home-Run-Rekord aufstellte und seine Schlagstärke mit dem anabolen Steroid und dem Eiweißkonzentrat Kreatin beflügelte. Beide Substanzen sind in der Major League Baseball (MLB) bis heute erlaubt.

Nach McGuires Enthüllung schnellten die Verkaufszahlen für Androstenedione in die Höhe. „Ein typisches Phänomen“, sagt Charles Yesalis, Doping-Experte an der Penn State Universität, „das Gleiche war zu beobachten, nachdem Ben Johnson geschnappt wurde. Der Dopingmissbrauch bei den Teenagern nahm schlagartig zu.“ Das bestätigt Schwab aus seiner Praxis als Football- und Ringer-Coach. Dopingsünder wirken nicht abschreckend, sondern regen zur Nachahmung an: „Die Jugendlichen schauen zu ihren Sport-Idolen auf. Wenn die etwas Verbotenes nehmen, wirkt das für sie wie eine Erlaubnis, dasselbe zu tun.“

Eine halbe Million Teenager in den USA greifen laut den jüngsten Untersuchungen zu anabolen Steroiden. „Die Quote liegt bei zwei bis drei Prozent der High-School-Schüler“, sagt Yesalis. Die Ersten fingen in der siebten Klasse an, mit zwölf. Die Zahlen für die USA und Europa unterschieden sich nur wenig, betont der Forscher, es handle sich um ein globales Phänomen. Allerdings komme man nur in Amerika so mühelos an alles heran. Das habe man unter anderem dem republikanischen Senator Orrin G. Hatch aus Utah zu verdanken. Der brachte 1994 ein Gesetz durch den Kongress, das die Pharmakonzerne davon befreit, ihre Nahrungsergänzungsmittel auf ihre Unbedenklichkeit zu testen. Stattdessen muss nun die Gesundheitsbehörde nachweisen, dass die Substanzen gefährlich sind. Die Pharmakonzerne, mehrheitlich in Utah beheimatet, dankten dem Senator mit Millionen-Spenden für dessen Wahlkampf.

Nicht nur in den Profi-Ligen, bei Olympia und in den Colleges finden legale und illegale Muntermacher reißenden Absatz. Allein mit Nahrungsergänzungsmitteln setzt die US-Pharmaindustrie jährlich fast 18 Milliarden Dollar um. Sie gibt Millionen für Werbung aus, zahlreiche Universitäten lassen ihre Teams von Pharmaherstellern sponsern. Ein Unding, findet Schwab, „aber im College-Sport geht es schon lange nicht mehr ums Dabeisein, sondern nur noch um Geld. Um unglaubliche Mengen von Geld.“ Gute Football- oder Basketball-Teams können den Universitäten, die sich weitgehend privat finanzieren, Millionen bringen. In den bekannteren College-Arenen kostet eine Werbebande rund 40 000 Dollar pro Jahr. Viele davon sind mit Pharma-Anzeigen bestückt. „Man sollte die Wirkung der Werbung nicht unterschätzen“, sagt Yesalis. Anders als beim Konsum von Alkohol oder anderen Gesellschaftsdrogen müssen die Sportsünder keine Sanktionen befürchten.

Dem Schönheitsideal näher

„Alle sehen nur, dass du kräftiger wirst, dass deine Muskeln besser ausgebildet sind“, sagt Yesalis, „damit kommst du dem Schönheitsideal unserer Zeit näher.“ Und hat es in Kalifornien nicht sogar ein ehemaliger Bodybuilder und bekennender Konsument von Steroiden zum Gouverneur gebracht?

Nach Schwabs Erfahrung hilft nur Aufklärung: „Das Schwierige ist, dass Steroide wirklich wirken. Du wirst stärker, du fühlst dich besser. Und Teenager denken kurzfristig. Nebenwirkungen? Bei mir doch nicht.“ Der ehemalige Footballspieler setzt gnadenlose Offenheit dagegen. Wenn die Jungs nach den Nebenwirkungen der Muskelmacher fragen, sagt er ihnen: „Die Hoden schrumpfen, und du wirst impotent.“ Das hilft manchmal. Ein bisschen. Ob seine Schüler wirklich alle sauber sind, kann Schwab nicht garantieren: „Wir haben keine Möglichkeit herauszufinden, was sie nehmen.“ Ein einziger Dopingtest kostet 100 Dollar. „Statt zu kontrollieren, versuchen wir aufzuklären“, sagt er.

Die jungen Sportler und die Eltern, die oft einfach wegschauen. Die Parallelen zu den Erziehungsberechtigten der Opfer des staatlichen DDR-Dopings sind frappierend. Auch damals machten sich die wenigsten Eltern Gedanken darüber, was ihre minderjährigen Mädchen so radikal körperlich veränderte. Außerdem gab es ja für große Siege auch große Belohnungen: Autos, Wohnungen.

In Amerika gibt es eine Ausbildung, die bares Geld wert ist. Der Besuch des richtigen College zeichnet den Weg zu Wohlstand und Anerkennung vor, selbst wenn es mit der großen Sportlerkarriere nicht klappt. Wessen Kind ein Sportstipendium erhält, spart bis zu 120 000 Dollar Ausbildungskosten. So paart sich auch hier Unwissen mit Eigennutz. „Viele haben keine Ahnung, wie gefährlich das Zeug ist, das gleich neben den Vitaminen im Regal steht“, sagt Schwab, „wir müssen unsere Kultur grundlegend verändern.“

Ein langer, mühsamer Prozess. Lyle Alzados Sohn Justin ist heute übrigens 21 und arbeitet als Trainer in einem Gym in Roswell, Georgia. Er zeigt seinen Kunden natürliche Wege zu körperlicher Fitness, ohne Steroide und Wachstumshormone. Doch wenn er auf die NFL blickt, weiß er, es hat sich nichts geändert: „Ich bin enttäuscht, dass die Worte meines Vaters ungehört verklungen sind.“

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