Sport : Früher war alles besser

Das deutsche Tennis auf der Suche nach sich selbst: Es fehlt ein Topspieler unter den vielen guten

Petra Philippsen[Stuttgart]

Die Situation ist nicht mehr neu für Patrik Kühnen. Seit der Kapitän der deutschen Davis-Cup-Mannschaft vor sieben Jahren sein Amt übernahm, findet sich der 44-Jährige oft in der Verteidigungsposition wieder. Wenn es darum geht, über den Stellenwert des deutschen Tennis zu sprechen, wird es eben immer noch an der goldenen Ära von Steffi Graf und Boris Becker gemessen. Gut ist da oft nicht gut genug. An den drei Davis-Cup-Siegen war Kühnen damals zumindest beteiligt und muss nun mit der gesteigerten Erwartungshaltung als verantwortlicher Teamchef leben. Er macht es auf seine Art. Kühnen konzentriert sich stets auf den positiven Aspekt der mitunter tatsächlich schlechten Nachrichten. „Wir sind in einer Situation, um die uns viele andere Nationen beneiden“, sagte Kühnen.

Der Verbleib in der Weltgruppe der besten 16 Länder wurde mit dem 5:0 gegen Südafrika am Wochenende souverän gesichert, zudem befinden sich derzeit unter den besten 100 Spielern zehn deutsche Profis. Aber Kühnen spricht eben nur die halbe Wahrheit aus. Die deutsche Mannschaft hat ihre Pflicht erfüllt und gegen einen schwachen Gegner keine Zweifel aufkommen lassen. Sie durfte sich nicht blamieren und hat es auch nicht. Doch die Relegation wurde nur nötig, weil das Kühnen-Team im März in der ersten Davis-Cup-Runde gegen Frankreich eine bittere Niederlage hinnehmen musste. Dass die Franzosen im Finale stehen, macht es den Deutschen leichter, die Schmach zu ertragen. Doch das alles täuscht nicht darüber hinweg, woran es mangelt: an einem Spitzenspieler.

Philipp Kohlschreiber möchte es gerne sein und verbesserte nun mit der Verpflichtung von Miles Maclagan, dem ehemaligen Trainer des britischen Topspielers Andy Murray, seine Chancen, es in die elitären Regionen der Rangliste zu schaffen. Doch auch wenn der inzwischen gereifte Kohlschreiber die Rolle als Führungsspieler im deutschen Team übernommen hat und schon mit starken Partien glänzen konnte, reicht es nicht, um bei den großen Tennisnationen mitzumischen. „Wir sind einfach sehr verwöhnt“, sagte Kühnen mit Blick auf die Erwartungshaltung der Tennisfans. Nur gebe es „keinen Plan, wie man einen Top-Ten-Spieler formt. Die Jungs arbeiten alle hart.“ Sie werden es weiterhin tun müssen, geht es Anfang März nächsten Jahres schließlich wieder gegen eine der acht besten Nationen wie Spanien, Serbien oder Argentinien. Und dieses Mal soll der Weg nicht wieder in die Relegation führen. „In diesem Jahr war einfach nicht mehr drin, das muss man akzeptieren“, sagte Christopher Kas, der gegen Südafrika im Doppel die Entscheidung schaffte. Immerhin hätte sich das deutsche Team die Chance erhalten, im nächsten Jahr anzugreifen.

Im Moment klingen diese Sätze eher nach Durchhalteparolen. Ein bisschen so, ob wenn sich die Mannschaft selbst von etwas überzeugen möchte, das vom Status quo her schwer zu stemmen scheint. Doch der Minimalismus, den die deutsche Mannschaft in Stuttgart wie einen Triumph feierte, soll nur mittelfristig sein. Um wieder dort hinzukommen, woran die Deutschen 2007 im Halbfinale von Moskau knapp gescheitert sind, wird Kühnen auf eine Mischung setzen müssen. Solange die aufstrebende Generation noch auf den Durchbruch wartet, ist die Erfahrung eines Rekonvaleszenten wie Thomas Haas unumgänglich. „Tommy hat sich nach schweren Verletzungen immer zurückgekämpft, bis in die Top Ten“, sagte Kühnen. Haas war eben auch der letzte deutsche Spitzenspieler. Aufstrebende Spieler wie Kohlschreiber könnten nur profitieren, um bald an bessere deutsche Tenniszeiten anzuknüpfen.

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