Sport : „Früher waren wir die Deppen“

Florian Keller über die neue deutsche Welle im Eishockey und seinen Aufstieg bei den Berliner Eisbären

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Herr Keller, Sie kommen wie der Bundestrainer Hans Zach aus Bad Tölz. Wann haben Sie denn zuletzt einen Kaffee mit ihm getrunken?

Erstens komme ich nicht aus Bad Tölz, sondern ein paar Kilometer weiter weg aus Grafing. Zweitens gehe ich grundsätzlich mit keinem Trainer Kaffee trinken.

Und, drittens, erst recht nicht mit Hans Zach?

Zach steht als Trainer auf reine Arbeiter, und so einer bin ich nun mal nicht. Er hat wohl gesagt, dass ich noch kein Kandidat für das Nationalteam bin, weil ich mich nicht genug quäle. Das sehe ich anders. Bei den Eisbären musste ich zuletzt sogar Verteidiger spielen. Ich habe einiges dazugelernt, sehe mich schon als Alternative zu dem einen oder anderen Nationalspieler. Aber ich mach auch mal ab zu mal meinen Mund auf…

…und das gefällt dem Zach eher weniger.

Mag sein. Wir haben uns noch nicht länger unterhalten. Ich war jedenfalls nicht mit ihm Kaffee trinken wie manch anderer.

Bundestrainer Zach ist ein Grund für den Aufschwung im deutschen Eishockey. Ein anderer sind die vielen deutschen Spieler in der DEL, die sich das Eis zurückerobert haben.

Was beweist, dass wir es auch können. Nur die DEL wollte uns ja lange nicht.

Sie sind ein gutes Beispiel für eine beinahe verlorene Generation. Mitte der Neunziger galten Sie als das Talent im deutschen Eishockey überhaupt. Bei der JuniorenWM 1996 waren Sie der Topscorer des Turniers.

Danach ist vieles schief gelaufen. Ich sollte 1996 ja schon mit zur A-WM nach Wien. In der Vorbereitung habe ich ein Tor nach dem anderen geschossen. Einen Tag vor dem Turnier hatte ich plötzlich 41 Grad Fieber.

Das erklärt noch nicht, warum Sie nach 27 Länderspielen in Liga zwei verschwanden.

1997 bin ich mit Mannheim noch Meister geworden. Ich dachte, mit 21 beginnt die Zeit der Ernte, jetzt gibt es das große Geld. Aber dann hat die DEL auf einmal die Ausländer-Beschränkung aufgehoben. Das war ein Vorschlaghammer. Auf einmal waren alle Angebote weg, ich bekam noch einen Job in Augsburg. Der Trainer war Gary Prior, ein Kanadier, der hat dann nur seine Kumpels rübergeholt. Und ich war der Depp. So ging das damals vielen deutschen Spielern.

Sie sind dann nach Bad Tölz gewechselt.

In der Zweiten Bundesliga konnte ich nebenbei eine Ausbildung zum Kaufmann für Grundstücks- und Wohnungswirtschaft machen, gründete sogar schon eine Firma. Der Sport hat wieder Spaß gemacht, denn die DEL war damals ein seelenloses Unternehmen. Ich habe vier Jahre in Tölz gespielt. In meiner letzten Saison war ich mit 33 Toren der erfolgreichste Deutsche in der Zweiten Liga. Dann kam der Anruf aus Berlin. Ich dachte mir, jetzt kannst du dich beweisen.

Viel zu sehen war von Ihnen erst einmal nicht.

Nach vier Spielen habe ich mich an der Schulter verletzt. Als ich wieder fit war, hatte ich im Dezember eine Virusinfektion. Mein Gott, dachte ich, jetzt geht das wieder los.

In dieser Saison läuft es für Sie und die Eisbären blendend. Trainer Pierre Pagé sagt: „Wenn der Keller alles gibt, dann ist er ganz weit oben. Nur leider tut er das nicht immer.“

Mir hat Pagé das nicht gesagt. Ich gebe immer alles, bin robuster geworden als früher.

Auch psychisch? Stichwort Schweden.

Hören Sie bloß auf, da ist viel Blödsinn gesagt und geschrieben worden. Von wegen, dass wir uns im Trainingslager betrunken haben und diese unangenehme Geschichte…

…dass Ihre Kollegen Brad Bergen und Yvon Corriveau eine Frau vergewaltigt hätten.

Das haben Sie nicht, das ist ja auch erwiesen. Es war ein harmloser Abend, wir hatten nur ein, zwei Bier getrunken. Was dann passierte, war weniger schön. Als morgens die Polizei in meinem Zimmer stand, hielt ich das für einen Scherz. Versteckte Kamera! Doch dann haben die mich und vier andere Spieler mitgenommen. Wir wussten nicht, was die von uns wollten. Wir haben da nur rumgelacht – auch bei den Verhören. Das hat alles zusammen zwölf Stunden gedauert. Als ich nach Hause kam, brauchte ich erst einmal zwei Tage, um klar zu werden.

Bergen und Corriveau wussten, dass Sie mit der ganzen Sache nichts zu tun hatten. Trotzdem haben sie den Mund gehalten, als Sie und Ihre Kollegen auf die Polizeiwache mussten.

Das ist für mich erledigt. Bergen hat sich entschuldigt. Corriveau hat gesagt, dass er gar nicht wusste, worum es überhaupt ging.

Der von Ihnen so wenig geschätzte Hans Zach hat Corriveau und Bergen während der gesamten Untersuchungshaft in Schutz genommen.

Ich habe nicht gesagt, dass ich Hans Zach nicht schätze. Er hat viel für das deutsche Eishockey getan. Oft liegt er eben richtig.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und Claus Vetter.

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