Sport : Frühstück in Wimbledon

Andy Roddick zählt beim heute startenden Tennisturnier zu den Favoriten

Benedikt Voigt

Als Andy Roddick ein kleiner Junge war, wachte er einmal im Jahr mit Wimbledon auf. Während seine Mutter ihm das Frühstück brachte, flimmerte live das berühmteste Tennisturnier der Welt in sein Elternhaus in Austin, Texas. „Jedes Kind, das in Amerika aufgewachsen ist, hat das gesehen“, sagt Andy Roddick dem „Guardian“, „du wachst auf, und es läuft.“ Er hat dieses sommerliche Ritual „Breakfast at Wimbledon“ genannt.

Wenn Andy Roddick heute aufwacht, wird er sein Frühstück tatsächlich in Wimbledon einnehmen. Der 21-jährige US-Amerikaner gilt beim heute beginnenden Rasenturnier in Londons Stadtteil SW 19 als einer der großen Favoriten. An Nummer zwei gesetzt, würde er erst im Finale auf den Titelverteidiger Roger Federer aus der Schweiz treffen, gegen den er im vergangenen Jahr überraschend deutlich in drei Sätzen im Halbfinale verloren hat. Seine aktuelle Form ist gut, wie er mit seinem erneuten Sieg beim Rasenturnier in Queens bewiesen hat. „Ich glaube, dass ich in Wimbledon mit meinem Service einigen Schaden anrichten kann“, sagte er dem „Guardian“. Das Gras muss sich auf jeden Fall vor seinen Aufschlägen fürchten. Im vergangenen Jahr schlug der Ball bei seinem härtesten Aufschlag mit 246 km/h auf dem Boden ein.

Neben Andy Roddick und Roger Federer gibt es noch mehr aussichtsreiche Kandidaten aus der jungen Tennisgeneration. Sandplatzspezialist Guillermo Coria, der an Nummer drei gesetzt ist, hat gerade mit seinem Finaleinzug in s’Hertogenbosch bewiesen, dass er sich auch auf Rasen wohl fühlt. Bei den French Open verlor der 22-jährige Argentinier erst in einem dramatischen Finale gegen seinen Landsmann Gaston Gaudio. Dieser wird in Wimbledon verletzungsbedingt fehlen. Auch Andre Agassi, David Nalbandian, Rafael Nadal und Gustavo Kuerten mussten ihren Start absagen. Bei den Damen fehlen die beiden Belgierinnen Kim Clijsters und Justine Henin-Hardenne. Obwohl ihre Ergebnisse in diesem Jahr nicht so gut sind, zählen dort die Schwestern Serena und Venus Williams als Favoritinnen. French-Open-Siegerin Anastasia Myskina aus Russland ist an Nummer drei gesetzt.

Natürlich setzt in England auch wieder der unvermeidliche Tim-Henman-Hype ein. „Wird dies Henmans Jahr?“, fragt die Internetseite des Turniers. Jedes Jahr stellt sich in England diese Frage aufs Neue, und immer mussten die Briten sie irgendwann mit „Nein“ beantworten. Viermal stand der brave Henman im Halbfinale, zu mehr aber hat es in all den Jahren nie gereicht. Mit 29 Jahren zählt der Spieler mit dem Image des Lieblings-Schwiegersohns längst zur älteren Tennisgeneration. Diese hat in Wimbledon seit 2001 ausgedient, als der Kroate Goran Ivanisevic ein sensationelles Comeback feierte. Seither waren die Sieger jeweils 21 Jahre alt.

Andy Roddick ist gegenwärtig 21. Im vergangenen Jahr hat er mit seinem Erfolg bei den US Open seinen ersten Grand-Slam-Titel gewonnen und die Weltrangliste als Nummer eins beendet. Wimbledon ist sein nächstes Ziel. „Ich mag es, auf dem Centre Court zu spielen“, sagt Roddick, „es ist ein andere Sache, man fühlt, dass die Leute hier sind, um Tennis zu sehen.“ Das Turnier beginnt Roddick gegen den taiwanesischen Qualifikanten Yeu-Tzuoo Wang. Im Viertelfinale würde er auf Rainer Schüttler treffen.

Roddick ist nach Agassis Absage endgültig zum großen Hoffnungsträger seiner Nation im Tennis geworden. Keine einfache Aufgabe, denn Andre Agassi und Pete Sampras haben in den Neunzigerjahren die US-Amerikaner mit acht Wimbledon-Siegen sehr verwöhnt. Allerdings muss der 21-Jährige noch an seinem Image arbeiten, er gilt als rüpelhaft. Bei den US Open sagte der Kroate Ivan Ljubicic, dass kein Spieler Roddick auf dem Tennisplatz möge. Zu sehr nerve dessen auffälliges Gehabe.

Wenn alles so läuft, wie er es sich vorstellt, wird Roddick am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, in Wimbledon im Finale stehen. Zum gleichen Zeitpunkt werden ihn dann in den USA viele kleine Jungs im Fernseher sehen – und frühstücken.

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