Sport : Frust frisst Freude

Kevin Kuranyis Traumtor beim 1:1 gegen Dortmund reicht Schalke nicht zur Trendwende

Richard Leipold[Gelsenkirchen]

Ein Versprecher kurz nach Schlusspfiff gewährte Einblick in das Befinden Fred Ruttens. Natürlich sei es „eine sehr große Enttäuschung, wenn man so ein Spiel noch verliert“, sagte der Trainer des FC Schalke 04. Seine Mannschaft hatte gar nicht verloren, aber es war eine dieser „gefühlten“ Niederlagen, die schmerzen wie real existierender Misserfolg. Im 133. Revierderby gegen Dortmund hatten die Gelsenkirchener vieles besser gemacht, lange hatten sie überlegen gespielt und wie der Sieger ausgesehen. Doch am Ende kam nur ein 1:1 heraus. Zu wenig, um den Frust der zurückliegenden Wochen zu bewältigen.

Das Schalker Werk trug ansehnliche Züge, blieb aber unvollendet. In Verbindung mit wieder erwachten Tugenden wie Kampf- und Teamgeist reichte das Remis gerade einmal aus, den größten Druck von Manager Andreas Müller und Trainer Rutten zu nehmen. Letztlich fraß der Frust die Freude wieder auf. Der Schwung steigerte sich nicht zum Aufschwung. Aber woran lag das? An Kevin Kuranyi? Der oft geschmähte Stürmer war der tragische Held. Kuranyi verkörperte am auffälligsten das unvollendete Schaffen der Schalker. In der 20. Minute schoss er das grandioseste Tor, das je gefallen ist in der Arena, die seit acht Jahren steht. Fast waagrecht in der Luft liegend trat Kuranyi die Kugel mit voller Wucht und zugleich höchster Präzision ins Eck. In diesem Augenblick erinnerte er an den berühmtesten aller Stürmer des FC Schalke. Klaus Fischer hatte einst das Publikum mit artistischen Fallrückziehern fasziniert. Kuranyi stand ihm in nichts nach. Es konnte nur die Höchstnote geben für dieses „Weltklassetor“, wie Rutten es nannte. Es hätte das Tor zur Wende werden können, wenigstens für eine Weile.

Kuranyi stand für die Chance, dieses Derby zu einer Trendwende zu machen. Aber er stand allein – und zeigte sich überfordert, als es darum ging, das Werk zu vollenden. Der Angreifer hatte vier der fünf guten Schalker Chancen, die beste davon nach einer Stunde, als er frei vor Torwart Weidenfeller ein Loch in den Abendhimmel schoss. „Wir haben Fußball mit Herz gespielt“, sagte Rutten, „aber der zweite Treffer hat gefehlt, Kevin hätte noch eins schießen müssen“. Kuranyi sah es genauso. „Hätte ich das Tor gemacht, hätten wir vielleicht 2:0 gewonnen.“

Und so kam es, wie es (zu) oft kommt, wenn Schalke einen Gegner scheinbar fest im Griff hat. Die Mannschaft ließ nach, und der Gegner nutzte es aus – ein Gegner, der „in der ersten Hälfte gar nicht stattgefunden hatte“, wie BVB-Manager Michael Zorc sagte. Die Rückkehr zur Dortmunder Raute und ein lebendiger Torschütze Mohamed Zidan zerstörten die Schalker Hoffnung, das Derby werde zum Wendpunkt.

Das Pünktchen hilft den Gelsenkirchenern so wenig aus dem Mittelmaß wie den Dortmundern, die aber auch nicht so hohe Ansprüche an sich selbst stellen wie der Rivale, der ein wesentlich teureres Ensemble zu unterhalten hat. Wie lange Schalke sich ein so kostspieliges Aufgebot noch leisten kann, wissen, wenn überhaupt, nur die Finanzexperten in der Chefetage. Wenn es um die internationalen Ambitionen des Vereins geht, ist immer häufiger vom DFB-Pokal die Rede, der die Saison retten könnte. In der Bundesliga zum Ziel zu kommen „wird immer schwerer, das ist klar“, sagt der Vorstandsvorsitzende Josef Schnusenberg. Auf die Frage, ob Schalke sich auf eine Saison ohne Einnahmen aus dem internationalen Geschäft einstellt, antwortete er: „Es wäre leichtfertig, wenn wir diesen Fall nicht einplanten.“

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