Füchse Berlin : Champions League ohne Lohn

Finanziell zahlt sich die Champions League für die Füchse nicht aus – am Sonntag geht es gegen Szeged. Das letzte Vorrundenspiel in dieser Saison kann der Klub äußerst entspannt angehen

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Lehrreich. Evgeni Pevnov profitiert von den Erfahrungen der letzten Saison.
Lehrreich. Evgeni Pevnov profitiert von den Erfahrungen der letzten Saison.Foto: dpa

Bob Hanning war tief in seinen Stuhl versunken. Der Manager der Füchse Berlin wollte am liebsten gar nicht mehr hinschauen. Im letzten Vorrundenspiel ihrer ersten Champions-League-Saison hatten die Berliner Handballer an diesem 25. Februar 2012 das Kunststück fertig gebracht, noch einmal um den Achtelfinal-Einzug bangen zu müssen. Gegen den bis dato punktlosen Tabellenletzten Silkeborg stand es nach 50 Minuten 24:19 für die Gäste aus Dänemark, das Aus in der Vorrunde drohte. Was die 9000 Zuschauer in der Max-Schmeling-Halle dann zu sehen bekamen, war der Beginn eines sensationellen Laufs, der die Füchse schließlich bis ins Halbfinale des Europapokal-Wettbewerbs führte. 28:27 hieß es nach 60 Minuten.

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach Silkeborg können die Füchse ihr letztes Vorrundenspiel in dieser Champions-League-Saison äußerst entspannt angehen. Dem Bonus-Spiel gegen den großen FC Barcelona (31:30) vor zwei Wochen folgt am heutigen Sonntag eine weitere Begegnung dieser Kategorie. Denn egal, wie das Duell mit dem ungarischen Vizemeister Pick Szeged (19 Uhr, live bei Eurosport) auch ausgeht – die Berliner haben Platz zwei in der Gruppe D sicher, der im Achtelfinal-Rückspiel wiederum den Vorteil des Heimrechts garantiert.

Geschafft haben sie das mit souveränen Leistungen. Sieben Siegen stehen nur zwei Niederlagen gegenüber, in Barcelona und Minsk. „Die Mannschaft hat den nächsten großen Schritt gemacht“, schlussfolgert Hanning, „die Füchse sind mittlerweile ein Name in Europa.“

Aus sportlicher Sicht sind die Gründe dafür vielschichtig. „Das Team ist in großen Spielen gewachsen, es profitiert jetzt von den Erfahrungswerten des Vorjahres“, sagt Hanning. Spieler wie Evgeni Pevnov oder Johannes Sellin wirken in ihrer zweiten Europapokal-Saison routiniert und vertraut mit Drucksituationen. Zudem hat Trainer Dagur Sigurdsson im Vergleich zum Vorjahr an den taktischen Stellschrauben gedreht und offenbar sein persönliches Rotationsprinzip gefunden.

Um dem Wahnwitz des Spielplans begegnen und Verletzungen minimieren zu können, wechselt der Isländer in jedem Spiel strikt durch. „Ohne ausgeglichenen Kader hat man keine taktischen Optionen und damit kaum eine Chance im Europapokal“, sagt Sigurdsson. Dass am Saisonende sechs erfahrene Spieler gehen und dafür sechs neue nach Berlin kommen – darüber wollen die Verantwortlichen der Füchse nicht sinnieren, solange die Saison noch läuft. Auf die Erwartungen an die nächste Europapokal-Spielzeit dürfte die Personalrochade allerdings Einfluss haben. „Uns ist schon bewusst, dass nicht jedes Jahr so läuft wie 2012“, sagt Hanning, „aber das muss es auch gar nicht.“

Für die Außendarstellung seien solche Spiele wie gegen Barcelona ohnehin wesentlich nützlicher als für die Vereinskasse, sagt Hanning. Denn: „Aus kaufmännischer Sicht zahlt sich die Champions League nicht wirklich aus – und das gilt für alle Mannschaften.“ Der THW Kiel beispielsweise, der 2012 das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League gewann, schloss das Geschäftsjahr mit einem Gewinn von lediglich 25 000 Euro ab, bei den Füchsen stand eine schwarze Null unter der Gesamtbilanz. „Wenn man sieht, was wir dafür geleistet haben, ist das schon enttäuschend“, sagt Hanning. „Aber an den Ausschüttungen von Seiten des Verbands wird sich in den nächsten Jahren nichts ändern.“

Ziehen die Berliner also im weiteren Verlauf der Champions-League-Saison wieder um in die 4000 Zuschauer mehr fassende Arena am Ostbahnhof? „Ich will nicht ausschließen, dass wir da irgendwann noch mal hingehen“, sagt Hanning, „aber nur unter einer Voraussetzung“: dass nämlich die Max-Schmeling-Halle nicht verfügbar ist. „Dort ist unsere Heimat, dort haben wir schon so manche Schlacht geschlagen.“ Er hätte auch sagen können: Dort macht Leiden noch am meisten Spaß.

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