Füchse Berlin : Üben in Essen

Britische Handballer spielen am Sonntag mit TuSEM Essen gegen die Füchse - sie sollen für die Olympischen Spiele lernen.

Hartmut Moheit
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Insel-Quintett. Essens Briten.Foto: dpa

Seinen großen Auftritt hatte Sebastian Prieto am 7. Februar. Im Spiel beim TV Großwallstadt erzielte der 22-Jährige den ersten Treffer eines Briten seit Bestehen der Handball-Bundesliga. Es war zwar nur das Tor zum 19:33 für TuSEM Essen (Endstand 23:41), aber gefreut haben sich in jener 50. Minute dennoch alle für ihn. „Es macht Spaß, ihm und seinen Landsleute zuzuschauen. Wir alle haben viel Spaß zusammen“, sagt Essens Sportlicher Leiter Stephan Krebietke dazu. Für sein Team, das insolvent ist und darum als erster Absteiger bereits feststeht, bedeutete dieses ungewöhnlich Engagement die Rettung zur rechten Zeit. „Die Engländer wollen auf diese Weise ihr Olympiateam für London 2012 stärken und übernehmen auch die Kosten für ihre Spieler“, beschreibt Krebietke den Deal. „Und wir können jetzt wieder, nachdem wir wegen der Finanzsituation zehn Leistungsträger verloren haben, mit einem größeren Kader trainieren.“

Vor der Ankunft der Engländer waren teilweise nur noch sechs Spieler zum Training erschienen. Aufgefüllt wurden die Reihen mit Aktiven aus dem Oberligateam, das eigentlich den Regionalliga-Aufstieg zum Ziel hat. Dass Essen längst kein Erstligaformat mehr habe und das Niveau der Engländer höchstens für die Regionalliga – eher aber für die Oberliga – ausreiche, ändere nichts daran. „Wir wollen langfristig wieder eine hungrige Truppe aufbauen, die vielleicht in drei Jahren wieder erstligareif ist“, sagt Krebietke.

England ist Handball-Entwicklungsland

Für das Spiel am Sonntag bei den Füchsen Berlin (17 Uhr in der Max-Schmeling- Halle) erwartet der Essener auch keinen Erfolg. „Wir sind in jedem noch ausstehenden Spiel in dieser Saison krasser Aussenseiter, wollen uns aber Stück für Stück weiterentwickeln“, sagt der 37-Jährige, der 34 Länderspiele für Deutschland bestritten hat. TuSEM Essen, der jeweils dreimalige Deutsche Meister, Pokalsieger und Europacupgewinner, plant für die Zukunft nach dem 30. Juni dieses Jahres in der Zweiten Liga, wenn der Insolvenzverwalter nicht mehr das Sagen haben wird. Ob Sebastian Prieto, Merlin Braithwaite, Ciaran Williams, Chris McDermott und Dan McMillan dann noch dabei sein werden, wird von ihren Fortschritten abhängen. Mit Chris Mohr, der derzeit noch verletzt ist, erwartet TuSEM-Trainer Kristof Szargiej sogar noch einen sechsten Spieler. „Sie alle sind sehr leistungsorientiert, leben und zerreißen sich für ihren olympischen Traum“, sagt der Pole über seine Neuen. Und diese Einstellung übertrage sich auch auf alle anderen Spieler in der Mannschaft.

Viel Zeit bleibt dem britischen Verband nicht, um ein konkurrenzfähiges Team für 2012 aufzubauen. Als Gastgeber ist England automatisch qualifiziert. Nach der Olympiavergabe an London vor zweieinhalb Jahren waren in dem Handball-Entwicklungsland, in dem es mittlerweile eine Handball-Liga gibt, zunächst Castings veranstaltet worden, um einigermaßen passable Handballer zu finden. Jeder konnte sich melden, der halbwegs den Ball auf das Tor werfen konnte und auch sonst noch eine Affinität zum Handball verspürte. Zu zehnt sind die ersten Auserwählten schließlich in ein Sportinternat nach Aarhus gezogen, um sich in unterklassigen dänischen Teams weiter zu schulen. Unter ihnen war auch Merlin Braithwaite, der als Sohn einer deutschen Mutter und eines englischen Vaters in Münster aufgewachsen ist. Dort hat er auch das erste Mal Handball gespielt.

Jetzt leben die englischen Handballer vorübergehend in Essen als Zwei-Zimmer-WG, und TuSEM spart mit ihnen sehr viel Geld. Sie kosten den klammen Verein so gut wie nichts. „Als neue GmbH wollen wir ab Juli mit etwa 900 000 in die Zweitligasaison gehen, die Lizenz dafür haben wir schon beantragt“, sagt Stephan Krebietke. So weit denken seine Engländer nicht. Sie knobeln eher darüber, wer von ihnen das nächste Bundesligator erzielen wird – möglichst schon am Sonntag bei den Füchsen in der Schmeling-Halle.

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