Füchse Berlin : Volker Zerbe: Der Schattenmann

Sportkoordinator Volker Zerbe agiert seit diesem Sommer bei den Füchsen Berlin in der zweiten Reihe. Am Sonntag tritt er mit den Berlinern erstmals gegen seinen alten Heimatverein TBV Lemgo an, von dem er sich im juristischen Streit getrennt hat.

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Fall für zwei. Volker Zerbe (Zweiter von rechts) fungiert als Co-Trainer bei den Füchsen – und als Entlastung für Bob Hanning.
Fall für zwei. Volker Zerbe (Zweiter von rechts) fungiert als Co-Trainer bei den Füchsen – und als Entlastung für Bob Hanning.Foto: camera4

Sein Sitzplatz war reserviert wie bei jeder Auswärtsfahrt, dabei hätte es durchaus andere Anreisemöglichkeiten gegeben. Volker Zerbe hat sich trotzdem für den Mannschaftsbus entschieden. „Ist doch für einen Co-Trainer nichts Ungewöhnliches“, sagt der 45-Jährige. Im Normalfall mag das stimmen. So ganz alltäglich ist das heutige Spiel für Zerbe jedoch nicht, wenngleich der Sportkoordinator von Handball-Bundesligist Füchse Berlin vor dem Duell beim TBV Lemgo (15 Uhr, live bei sport1.de) energisch das Gegenteil betont. Denn in Lemgo hat Zerbe Zeit seines Lebens gewirkt, sportlich wie menschlich. Mit dem TBV gewann er um die Jahrtausendwende nationale Pokale und Meisterschaften sowie den Europapokal, nach der Karriere führte er bei den Ostwestfalen ein paar Jahre die Geschäfte. Außerdem besitzt Zerbe ein Haus in der 40 000-Einwohner-Stadt, in der er seine Frau geheiratet und seine Töchter großgezogen hat, sprich: Er hätte heute auch mit dem Fahrrad zur Lipperlandhalle kommen können oder womöglich sogar zu Fuß.

Dass er es nicht tut, sagt einiges über Zerbes Verhältnis zu seinem Heimatklub: Seit ihn der TBV 2012 mit der Begründung vor die Tür gesetzt hat, Zerbe habe sich aus der Vereinskasse bereichert, schweigen beide Parteien – weil das entsprechende Strafverfahren noch läuft. „In diesem Fall hat sich in den letzten Monaten auch nichts getan“, sagt Zerbe.

Bei ihm selbst schon. Der Wechsel des 284-maligen Nationalspielers zu den Füchsen war in diesem Sommer eine der spannendsten und überraschendsten Personalien im Kosmos Handball-Deutschland. Andererseits: War er nicht einfach nur logisch? Die Füchse fahndeten schließlich nach einem Nachwuchstrainer und Assistenten für Coach Dagur Sigurdsson, der idealerweise auch zur Entlastung von Geschäftsführer Bob Hanning beitragen soll. Gefragt waren sportliche und wirtschaftliche Kompetenzen – eine Stelle wie gebacken für Handball-Legende Zerbe, der die zweitmeisten Feldtore der Bundesliga-Geschichte nach Christian Schwarzer geworfen und neben der Karriere eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert hat, überraschenderweise bei der Sparkasse in Lemgo. Für diesen 2,11 großen Mann haben sie in Berlin also eigens eine bis dato nicht vorhandene Stelle geschaffen, die dem eher zurückhaltenden Wesen Zerbes entspricht, diesem Schattenmann: als Sportkoordinator betreut er die B-Jugend des Klubs, als Co-Trainer die Profis, wobei er die spieltaktische Vorbereitung im Gegensatz zu seinem Vorgänger Alexander Haase allein Cheftrainer Sigurdsson überlässt.

„Ich versuche im Spiel zu helfen, wenn mir etwas auffällt“, sagt Zerbe, „vier Augen sehen einfach mehr als zwei.“ Bei Punktspielen der Füchse sind es erfahrungsgemäß sogar derer sechs, weil auch Hanning stets neben der Wechselbank Platz nimmt – also jener Mann, dem Zerbe nach dessen Wahl zum Vizepräsidenten des Deutschen Handball-Bunds (DHB) im Administrativen zuarbeiten soll.

„Wie das konkret aussehen kann, wird sich im Alltag zeigen“, sagt Zerbe, „das ist ja ein fließender Prozess, den wir gerade erst angestoßen haben.“ Deshalb hat Zerbe auch kein separates Büro in der Geschäftsstelle des Vereins am Gendarmenmarkt bekommen, „aber das brauche ich im Moment auch gar nicht, weil ich mit dem Laptop und dem Handy viel von zu Hause aus machen kann“, sagt er.

Der Füchse-Kader 2013/14 in Bildern
Dagur Sigurdsson: Der lange Bart, der über die Wintermonate gewuchert war, ist wieder ab beim Trainer der Füchse Berlin. Damit vermittelt der Coach des Handball-Bundesligisten genau den Eindruck, den er vermitteln will: Es geht bald wieder los und irgendwie ist alles ziemlich neu: Vereinslogo, Trainingsstätte, Sportdirektor, Mannschaftsbus – und nicht zu vergessen: die Mannschaft. Sechs erfahrenen Abgängen stehen teilweise sehr junge Zugänge gegenüber. Welche Spieler sind neu? Welche geblieben? Und wo haben Sie ihre Stärken und Schwächen? Der Tagesspiegel gibt einen Überblick:Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: dpa
28.08.2013 12:40Dagur Sigurdsson: Der lange Bart, der über die Wintermonate gewuchert war, ist wieder ab beim Trainer der Füchse Berlin. Damit...

Und zur Spielvorbereitung gegen seinen Ex-Klub, deren Spieler er teilweise noch selbst verpflichtete, hat er diesmal tatsächlich nicht mehr beigetragen als sonst? Zerbe sagt: „In den letzten Jahren haben die Füchse ihre Spiele in Lemgo auch ohne mich immer gewonnen. Ich hoffe natürlich, dass das so bleibt.“ Ganz im Sinne einer angenehmen Heimfahrt auf dem reservierten Sitzplatz.

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