• Führung im Kollektiv: Bundesliga bleibt Gütesiegel - auch ohne Özil und Khedira

Führung im Kollektiv : Bundesliga bleibt Gütesiegel - auch ohne Özil und Khedira

Auch ohne Mesut Özil und Sami Khedira bleibt die Bundesliga ein Gütesiegel – vor allem die WM-Helden Lukas Podolski und Arne Friedrich werden von ihren Vereinen gebraucht.

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"Jabulani" heißt jetzt "Torfabrik": Alles dreht sich um den neuen offiziellen Ligaball, auch Bastian Schweinsteiger. Foto: ddp
"Jabulani" heißt jetzt "Torfabrik": Alles dreht sich um den neuen offiziellen Ligaball, auch Bastian Schweinsteiger.Foto: ddp

Irgendwann verliert alles seinen Glanz. Auch die gerade erst vergangene Weltmeisterschaft wird in den Hintergrund rücken, wenn die kühlen und nassen November-Spieltage kommen. Das Liga-Grau des Alltags. Und trotzdem wird diese WM ihre Spuren tief in die neue Saison graben. Denn es sind diesmal nicht die jungen Wilden, die Schweinis und Poldis, die aus einem Sommermärchen in den Liga-Normalbetrieb zurückkehren, sondern es sind erfahrene, gereifte Führungsspieler, die mit Ambitionen die Liga prägen können.

Auch wenn die Exportschlager Sami Khedira und Mesut Özil jetzt in Madrid ihr Können und ihre Reife zeigen und auch zeigen müssen, bleibt fast der ganze Rest der WM-Mannschaft. Er kann der Liga ihr Gütesiegel verpassen. Dahinter steckt natürlich auch der Fluch der guten Tat, denn die neuen deutschen Führungskräfte werden auch mit einem anderen Maß gemessen. Aber sie können auch selbst mit einem anderen Anspruch in die neue Saison gehen. Vor allem an Spielern wie Lukas Podolski und Arne Friedrich wird sich diese Veränderung ablesen lassen. In Köln und Berlin werden sie sich die Augen gerieben und sich gefragt haben, ob es nur die Zwillingsbrüder waren, die da in der vergangenen Saison bei ihren Vereinen gespielt haben. Friedrich kann nun den Anspruch erheben, Führungsspieler in Wolfsburg zu sein.

Und Podolski? Er hat gezeigt, was er kann und wird mit einer neuen Anforderung an seinen Klub in die neue Spielzeit gehen: Wenn ihr mich in Köln auch so spielen sehen wollt wie in Südafrika, dann richtet auch das taktische System darauf aus. Wer sich nur hinten reinstellt, wird auch nur einen Podolski-Abklatsch bekommen. Andere Spieler wie Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm hatten schon vor der WM das Prädikat Führungsspieler, aber sie haben es eindrücklich untermauert und das hilft ihnen und ihrem Verein.

Das wirklich Neue dahinter ist aber nicht allein das Selbstbewusstsein, sondern die Konsequenz daraus. All die Schweinsteigers, Lahms, Podolskis, Mertesackers und Friedrichs werden zwar mit breiter Brust, aber auch mit klarem Kopf in die Saison starten. Den Zampano werden sie nicht spielen, kein Leitwolfdasein einfordern. Sie stehen für flache Hierarchien, das Kollektiv. Und diese Form der Führung wird sich in dieser Saison auch endgültig in der Bundesliga durchsetzen. Es kann aber noch einmal zum Wettstreit der Systeme kommen. Ein Michael Ballack in Leverkusen wird nicht viel von solchen Führungsstrukturen halten. Er ist Traditionalist. Findet sich die Mannschaft damit ab, kann es gut gehen. Begehrt sie auf, ändert sich der Aggregatzustand der Mannschaft – die Implosion droht.

Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass es Führungsspieler sein werden, die ihre Führungsqualitäten nie zeigen und sich einfügen, am Ende sogar kleinlaut sind. Im Gegenteil. Denn ein Zweites wird sich in dieser Saison wohl manifestieren, ein taktisches Bollwerk mit der Nummer 4-2-3-1. Defensive ist Trumpf – bei den meisten. Und genau deshalb kann es eine Saison der Einzelspieler werden, die das taktische Patt auflösen können: Das ist die Stunde des Führungsspielers im Kollektiv. Er muss nichts Geringeres erledigen, als die Spiele entscheiden und so nebenbei auch die Attraktivität der Liga retten – vor dem engen Korsett der Taktik.

Neben den deutschen WM-Größen darf man gespannt sein, ob auch hochdekorierte Spieler wie der Spanier Raul oder der Niederländer Ruud van Nistelrooy diese entscheidenden Impulse setzen können. Einfach wird es nicht, denn die Bundesliga fordert jeden Spieler bis zum Letzten. Es ist keine Liga zum Ausklang einer Karriere. Vielmehr können einige WM-Helden in dieser Saison hier ihrem Karrierehöhepunkt entgegensteuern.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert auch in dieser Saison jeden Sonntag die Bundesliga im Tagesspiegel.

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