FÜHRUNGSWECHSEL : Neun Medaillen zum Abschied von Mallow

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MallowDPA

Dem Glück wollte Jürgen Mallow noch ein wenig nachhelfen. „Ich habe im Hotelzimmer 1209 gewohnt und mich im Stadion immer auf Platz 9 gesetzt.“ Alles, um nach fünf Medaillen bei der WM 2005 und sieben 2007 diesmal neun zu gewinnen. Schwer vorstellbar, dass Mallow abergläubisch ist, denn der 65 Jahre alte Hanseat ist der Kopf der deutschen Leichtathletik. Aber es hat geklappt mit den neun Medaillen.

Jetzt kann Mallow seinen Erfolg genießen, beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) muss er nur seinen noch nicht benannten Nachfolger als Sportdirektor einweisen, Ende September verabschiedet er sich in den Ruhestand. „Ich freue mich auf einen Kalender ohne Wettkampftermine“, sagt Mallow. Er wird in die Nähe von Wien ziehen.

Als der studierte Theaterwissenschaftler 2004 als Bundestrainer einstieg, wollte er eine neue Nationalmannschaft aufbauen. Davor war er viel herumgekommen in der Leichtathletik, unter anderem hatte er 1983 Patriz Ilg zum WM-Titel über 3000 Meter Hindernis geführt. Bei Weltmeisterschaften ging es mit den Medaillen aufwärts, doch dann kam Olympia 2008 in Peking. Nur eine Medaille brachten die deutschen Athleten mit nach Hause.

Mallow wehrte sich dagegen, Medaillen als einzigen Maßstab zu nehmen. „Die Hälfte unserer Athleten hat den Endkampf erreicht.“ Dafür kritisierte Mallow den Deutschen Olympischen Sportbund und das Bundesinnenministerium, arrogant und hochnäsig seien sie. „Die wollen immer mehr Medaillen, und was tun sie dafür? Nichts, nichts, nichts!“ Mit der deutschen Sportförderung wird Mallow seinen Frieden nicht mehr machen. Auch bei der WM lästerte er, die Summe, die den Leichtathleten in diesem Jahr mehr zur Verfügung gestellt werde, sei geringer als die Steigerung der Flugkosten.

Nach Peking war Mallow auf den Posten des Sportdirektors gewechselt und installierte mit Rüdiger Harksen und Herbert Czingon zwei neue Cheftrainer. Mit dem Sportsoziologen Eike Emrich, dem für den Spitzensport zuständigen Vizepräsidenten des DLV, hatte Mallow einen intellektuell ebenbürtigen Austauschpartner. Zusammen mit Verbandspräsident Clemens Prokop bildeten sie eine Verbandsspitze, die sich gerne auf alle akademischen Diskussionen einließ. Bei so viel Klugheit war Mallow nicht immer die Leidenschaft anzumerken, doch Emrich sagte nun in einem vorgezogenen Abschiedsgruß: „Ich habe weder in meiner wissenschaftlichen noch außerwissenschaftlichen Arbeit jemanden kennengelernt, der die Leichtathletik so liebt und versteht wie Jürgen Mallow.“ Auch Emrich überlegt, seinen Posten wegen beruflicher Belastungen abzugeben.

Die WM war auch ihr Erfolg. Hat auch Mallow sich in Berlin so gefühlt wie das Motto „Have a good time“, das sich das WM-Organisationskomitee ausgedacht hatte? „ Nein“, sagt Mallow, „wir sprechen Deutsch.“ Friedhard Teuffel

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