Sport : Fünf müssen ins Ziel

Worauf es beim heutigen Mannschaftszeitfahren bei der Tour de France ankommt

Reiner Guareschil

Wenn Michael Rich sagt, dass Radsport ein Mannschaftssport ist, dann ist das kein Lippenbekenntnis. Der Profi vom Team Gerolsteiner hat in seiner Laufbahn oft Mannschaftsgeist bewiesen. Sein größter Erfolg als Amateur war der Olympiasieg in der Mannschaftsdisziplin Straßen-Vierer.

Rich bedauert, dass die Disziplin seit seinem Olympiasieg 1992 bei Olympia nicht mehr gefahren wird. Auch, dass es bis vor drei Jahren lange Zeit bei der Tour de France kein Mannschaftszeitfahren gab, gefiel ihm nicht. Ein guter Fahrer würde durch eine mittelmäßige Mannschaft gehandicapt, argumentierten die Gegner des Mannschaftszeitfahrens, und deshalb wurde es seinerzeit aus dem Programm gestrichen. Jan Ullrichs Bianchi-Team etwa gilt als wesentlich weniger geschlossen als Lance Armstrongs US-Postal-Mannschaft – wenn beide Fahrer auf den anderen Etappen gleich stark wären, würde der Amerikaner allein durch das Mannschaftszeitfahren die Tour gewinnen.

Alle neun Mann eines Teams starten gemeinsam, mindestens fünf müssen zusammen ins Ziel kommen. Damit das möglichst schnell geht, wechseln sich die neun dabei ab, an der Spitze der Gruppe zu fahren. Dort verlangt bei Tempo 50 der Widerstand des Windes den Fahrern etwa 30 Prozent mehr Kraft ab, als wenn sie sich hinter den Kollegen verstecken. Wer vorn fährt, verausgabt sich, um das Tempo hoch zu halten. Wenn die Kraft nachlässt, lässt er sich zurückfallen, um sich zu erholen, bis er wieder an der Reihe ist.

Die Kunst des Mannschaftszeitfahrens besteht darin, die Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Fahrern auszugleichen. „Wenn man der Stärkste ist“, erklärt Rich, „nützt es niemandem, wenn man die anderen seine Überlegenheit spüren lässt. Vielmehr trägt man die Verantwortung dafür, dass die Gruppe zusammenbleibt.“ Der Stärkste muss das Gros der Arbeit an der Spitze, „im Wind“, wie es im Rennfahrerjargon heißt, verrichten und dabei sein Tempo so dosieren, dass der Schwächste der Mannschaft zwar gefordert wird, aber nicht den Anschluss verliert.

„Abreißen lassen“, hieße das unter Radfahrern. Das passierte beispielsweise vor zwei Jahren in Armstrongs Mannschaft, als der Kapitän so aufs Tempo drückte, dass kein anderer seiner Leute mehr mitkam. Armstrong musste warten, der Rhythmus der Gruppe war gebrochen, und das Team büßte wichtige Sekunden ein.

„Es ist ja nicht verboten, zu gewinnen“, antwortet Zeitfahrspezialist Rich auf die Frage nach den Ambitionen seines Teams für den heutigen Mittwoch. Teamchef Hans-Michael Holczer ist da realistischer: „Ein Platz unter den ersten fünf wäre ein großer Erfolg.“ So sehr Radfahren Mannschaftssport ist: Zu hoffen, dass der Mannschaftsgeist das Debütantenteam direkt bis an die Spitze trägt, wäre vermessen.

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