Sport : Fünf Tore fürs Selbstvertrauen

Die Slowakei fertigt vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland das schwache Wales 5:1 ab

Raphael Honigstein[London]

Wer mit dem falschen Fuß aufsteht, sollte bekanntlich am besten gleich wieder ins Bett gehen. Diese Redensart gibt es auch auf der Insel, nur das Bild ist dort etwas anders. Die Angelsachsen sind fest davon überzeugt, dass die Frisur über Glück und Pech im weiteren Tagesverlauf entscheidet; wenn alles schief geht, spricht man hier von einem „bad hair day“, einem Tag der schlechten Haare. Dahinter steckt ein ästhetischer Imperativ: Sieh nicht wie ein Tor aus – sonst wirst du einer sein.

Paul Jones hatte das leider niemand gesagt. Der walisische Fußball-Torhüter hatte sich vor seinem 50. Länderspiel am Samstag das Wappentier des Prinzentums Wales, den Drachen, sowie eine große „50“ auf den Schädel rasieren lassen – und das Unglück offenbar begünstigt. Beim ersten Treffer der Slowaken im EM-Qualifikationsspiel durch Dusan Svento war er nur ein wenig zu spät gekommen – die Hauptschuld traf den überlaufenen Rechtsaußen Richard Duffy –, doch das 0:2 von Marek Mintal bereitete er höchstpersönlich vor. Ohne Not spielte der 39-Jährige den Ball aus dem Strafraum genau auf den Nürnberger. Der umkurvte einen Verteidiger und hob den Ball dann sehr gekonnt über den zurückeilenden Jones ins Netz. Danach erzielte Gareth Bales immerhin den Anschlusstreffer für Wales.

Beim dritten Tor der Gäste, als wieder der überragende Mintal mit einem abgefälschten Weitschuss den Chef-Drachentöter gab, hatte der Schlussmann vom englischen Zweitligisten Queens Park Rangers kaum eine Chance. Dafür sah er bei Miroslav Karhans 25-Meter-Schuss, der zum 4:1 führte, furchtbar schlecht aus. Robert Vitteks Treffer zum 5:1 aus kurzer Distanz war dann das Ende der Erniedrigung. Die Slowaken wechselten ihre Bundesligastars Karhan, Mintal und Vittek aus und schonten sich in der restlichen Spielzeit für das Qualifikationsspiel am Mittwoch gegen Deutschland. 5:1 (3:1) für die Slowakei, das war auch das Endergebnis.

Wales, das ohne die komplette Stammverteidigung und den verletzten Kapitän Ryan Giggs (Manchester United) auskommen musste, konnte im halb leeren Millenium-Stadion von Cardiff ganze zwei Spieler aus der Premier League aufbieten. Trainer John Toshack versuchte die personellen Engpässe mit einem gewagten 3-5-2-System zu kompensieren. Der Versuch misslang. Neben dem mit allen Freiheiten ausgestatteten Mintal, der als hängende Spitze nie zu kontrollieren war, stellte vor allem Svento, der linke Flügelspieler von Slavia Prag, die Waliser vor unlösbare Probleme.

Der Klassenunterschied der Mannschaften wurde immer deutlicher; nur in den ersten Minuten konnte Wales ein wenig Druck ausüben. Bales’ zwischenzeitliches 1:2, ein schönes Freistoßtor, bei dem sich der slowakische Torhüter Kamil Contofalsky auch nicht gerade als Herr der Lüfte erwies, war Makulatur. „Wir hatten heute null Erfolg im Sturm, deswegen waren alle Mühen vergeblich“, klagte Trainer Toshack, der trotz Wales’ höchster Heimniederlage seit einem 1:7 gegen England vor 98 Jahren nichts von seiner angeblich schwersten Stunde wissen wollte. „Ich wurde schon zwei Mal bei Real Madrid gefeuert, vergessen Sie das nicht“, sagte er den Journalisten. Das ist wahrscheinlich auch eine Art von Qualifikation für das traditionell schwierige Amt des Nationaltrainers von Wales. In Ermangelung von versierten Kickern wird Wales weiter auf die erste Teilnahme an einer Endrunde seit der Weltmeisterschaft von 1950 warten müssen.

Die Slowaken dagegen dürfen sich berechtigte Hoffnungen machen. Der wortkarge Trainer Dusan Galis zeigte sich sehr überrascht über den mühelosen Sieg und machte außerdem indirekt eine kleine Revolte von unzufriedenen Spielern im Vorfeld für den starken Auftritt verantwortlich: „Unsere Spieler, die sich entschieden haben, für ihr Land zu spielen, wurden heute belohnt. Wir gehen jetzt voller Selbstvertrauen in das Match gegen Deutschland am Mittwoch.“

Die Aussichten für Paul Jones sind weniger rosig, gegen Zypern droht gleich der nächste schlechte Haar-Tag. „Unsere Personaldecke ist einfach zu kurz“, sagte Toshack. „Wenn wir sie nach oben ziehen, schauen unten die Füße raus. Sind unsere Füße warm, frieren wir oben.“ Im Bett zu bleiben, ist, mit anderen Worten, auch keine Alternative.

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