Sport : Für die Beziehung arbeiten

Ein Selbsterfahrungskurs in 17 LektionenVon Christ

Wie es halt eben so ist: Je länger eine Beziehung dauert, desto schwieriger wird es ja mit der Liebe, das kann man immer wieder feststellen. Wieso ist es eigentlich nicht vorgesehen, dass die Liebe mit der Zeit wächst und immer größer und größer wird? Wäre das nicht für alle Beteiligten, in allen Bereichen, erstrebenswert? Gleichzeitig müssten dann natürlich auch Toleranz und Verständnis dem anderen gegenüber wachsen und auch die Kunst des Verzeihenkönnens, beispielsweise bei einem Seitensprung. Ist in der Liebe zu einem Menschen der Seitensprung eigentlich das Gegenstück zu der 0:3-Auswärtsniederlage der Hertha in Bielefeld? Nicht wirklich, oder? Zu so etwas gibt es eigentlich kein Gegenstück.

In den Tagen nach dem Bielefeld-Spiel fuhr ich mit der Bahn von Berlin nach Hamburg, zu Dreharbeiten. Ich saß an meinem Platz, prokelte die Kopfhörer meines iPods in die Ohren und stellte aus Versehen „zufällige Titelauswahl“ ein. Der iPod spielte den alten Hit von Joy Division „Love Will Tear Us Apart“ - Liebe wird uns auseinander bringen. Ich saß da und dachte: „Donnerwetter! So kann es also auch gehen.“

Ist es also am Ende die Liebe, die nach dem Bielefeld-Spiel die Mannschaft von Hertha auseinander bringt? Man hört ja so einiges: Dass die Mannschaft Marcelinho die Liebe verweigert beispielsweise. Alle seien gegen ihn, wussten Kenner zu berichten, nachdem Marcelinho gesagt hatte, dass einige Spieler zu sehr an die Weltmeisterschaft denken würden. So wie man in einer Beziehung dem Partner vorwerfen könnte, zu oft an eine mögliche Affäre zu denken oder an Angelina Jolie. Die Reaktion der Hertha-Spieler erinnerte dann auch an Krisengespräche mit dem Partner: „Das kotzt mich alles an. Ich bin richtig sauer auf ihn“ (Joe Simunic). Man hat dann geredet miteinander, und am Ende stellte Kapitän Arne Friedrich fest: „Es ist alles ausgeräumt, wir können uns wieder in die Augen schauen.“ Ach – Fragmente einer Sprache der Liebe.

Wo aber bleibe ich, der Fan, in diesem Beziehungsdrama? Wer redet mit mir? Wer schaut mir in die Augen? Wer nimmt – nach Bielefeld oder anderen Beziehungstötern – mich in den Arm? Die Liebe zu Hertha, die Liebe eines jeden Fans zu seiner Mannschaft, muss die für immer einseitig bleiben? Bleibt die Liebe selbstlos, da man ja nie zurück geliebt wird? Wie denn auch – wahrscheinlich weiß das Objekt meiner Liebe nicht einmal, dass es mich gibt. Mich, den Fan, der leidet und gibt und verzeiht und die Beziehung gegenüber jedem rechtfertigt und den Partner verteidigt, wenn ihm einer dumm kommen will.

Doch halt! Moment! So stimmt das dann ja auch wieder nicht. Natürlich liebt mich Hertha. Denn Hertha weiß, dass sie auch etwas für diese Beziehung tun muss, damit sie gedeiht und wächst und irgendwann vielleicht sogar zu einem glücklichen Ende führt. Am Donnerstagnachmittag lieferte Hertha den Liebesbeweis, beim Uefa-Cup-Spiel gegen Halmstads BK. Denn die Mannschaft spielte gut, Bastürk zeigte Hackentricks, Marcelinho sowieso, außerdem schoss er an die Latte, und Neuendorf erzielte das Siegtor – wenn auch mit viel fremder Hilfe. Ach.

Liebe kann so schön sein – trotz Bielefeld, trotz Frank Zander, trotz allem. Wir müssen uns halt nur ein bisschen Mühe geben. Wir zwei beide. Hertha und ich.

Christian Ulmen, 30, ist Schauspieler und Hertha-Fan. Wenn Hertha BSC ein Heimspiel hat, erscheint seine Kolumne an dieser Stelle.

Ein Selbsterfahrungskurs in 17 Lektionen

Von Christian Ulmen

0 Kommentare

Neuester Kommentar