Sport : Für ein Jahr die Besten

Sportjournalisten wählen die Schwimmerin Hannah Stockbauer, den Radprofi Jan Ullrich und die Fußball-Nationalmannschaft der Frauen zu Deutschlands Sportlern 2003

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Hannah Stockbauer spürte zum Schluss nur noch Schmerzen. „Die Beine brannten höllisch“, sagte sie, aber weil sie die Schmerzen ignorierte, schrieb sie Schwimmgeschichte. Hannah Stockbauer aus Erlangen hatte bei der SchwimmWM in Barcelona ihren fünften Einzel-Weltmeistertitel gewonnen, so etwas gab es noch nie in Deutschland. Sieg über 800 m und 1500 m im Jahr 2001 in Fukuoka, Japan, Sieg über 400 m, 800 m und 1500 m in Barcelona. Damit stieg sie zum unumstrittenen deutschen Medienstar auf. Breite Aufmerksamkeit hätte sie schon lange verdient gehabt, aber die Studentin stand immer im Schatten von Franziska van Almsick. Doch die fehlte in Barcelona, Stockbauer bildete die mediale Alternative. Aber auch nur, weil sie sich professionell auf die WM vorbereitet hatte. Die 21-Jährige hat gelernt aus Fehlern nach ihren WM-Titeln von 2001. Da hetzte sie von PR-Termin zu PR-Termin, vernachlässigte das Training und fiel 2002 bei der Europameisterschaft ins Leistungsloch. So etwas passiert ihr nicht mehr. Seit August hatte sie zum Beispiel genau eine trainingsfreie Woche. So schwierig ist es allerdings auch wieder nicht, auf Sponsorentermine zu verzichten. Die Nachfrage hält sich in Grenzen: Nach der WM erhielt sie kein einziges neues Angebot. Tsp

J an Ullrich lag am Boden. Erst waren da die Knieprobleme, dann der Führerscheinentzug wegen Alkohols am Steuer und Fahrerflucht, dann die Einnahme von Partypillen mit sich anschließender Dopingsperre. Die gefallenen Helden sind die wahren Heroen des Sports, wenn sie aus dem tiefen Tal der Schmach zurückkehren auf den Gipfel des Ruhms. Jan Ullrich kam bei der diesjährigen Tour de France als Gesamtzweiter in Paris an, es war für ihn ein Sieg, ein Sieg über sich selbst. „Jan hat alle überrascht und mit seinem Comeback die Herzen vieler Menschen erobert“, sagt selbst sein Rivale Lance Armstrong voller Anerkennung.

Jan Ullrich ist vor sechs Jahren schon mal zum Sportler des Jahres gewählt worden. Damals hatte er die Tour gewonnen. Jetzt reichte ihm dazu ein zweiter Platz. Von der „Rückkehr des Wunderkindes“ schwärmte Frankreichs „L’Equipe“, nachdem der Deutsche in der Hitze von Cap Decouverte nach fünf Jahren wieder eine Tour-Etappe gewonnen und Seriensieger Armstrong mit 1:36 Minuten Vorsprung fast deklassiert hatte.

Und bei der Sportlerwahl gelang es Jan Ullrich jetzt, mit der Muskelkraft zweier Beine auf einem Bianchi-Rad Michael Schumacher, den Formel-1-Weltmeister, im 900 PS starken Ferrari zu überholen. H. S.

In der 88. Minute wurde Nia Künzer eingewechselt, im Finale der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft in Carson/Kalifornien. Zehn Minuten später konnte die Frankfurterin sich nicht mehr rühren. Zu viele ihrer Mitspielerinnen hatten sich mit Schwung auf sie geworfen. Künzers Golden Goal zum 2:1 nach Verlängerung gegen Schweden hatte Deutschland erstmals zum Weltmeister gemacht.

Der Sieg löste in der Heimat kurzzeitig große Euphorie aus, tausende Fans feierten die Weltmeisterinnen bei ihrer Rückkehr am Frankfurter Römer. Die Siegerinnen erhielten vom Deutschen Fußball-Bund eine Prämie von je 15 000 Euro, mehr als je zuvor. Beim EM-Sieg 1989 hatten sie noch mit einem Kaffee-Service vorlieb nehmen müssen. Die Frauen tragen nun nicht mehr die Trikots der Männer mit drei Sternen als Zeichen für die drei WM-Titel, sondern haben ihr eigenes Trikot mit einem Stern.

Stürmerin Birgit Prinz, erfolgreichste Torjägerin und beste Spielerin der WM, wurde vergangene Woche zur Weltfußballerin des Jahres gewählt. Die Frankfurterin bekam sogar ein Angebot des italienischen Männer-Erstligisten AC Perugia – annehmen darf sie es freilich nicht, weil der italienische Verband sein Veto eingelegt hat. Tsp

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