Sport : Für ein Leben nach dem Hockey Köln lockt mit Bildung viele Nationalspieler an

Martin Gropp

Berlin – Die Zuschauer am Hockeyplatz von Blau-Weiss Berlin erlebten am Wochenende ein Déjà-vu. Als Rot-Weiß Köln im Testspiel gegen den niederländischen Klub Den Bosch eine Strafecke zugesprochen bekommt, tritt zur Vollstreckung fast die halbe Nationalmannschaft an. Jene Spieler, die zwei Wochen zuvor mit einer solchen Strafecke Deutschland zum Olympiasieg geschossen hatten. Philipp Zeller wird den Ball rausgeben, Tobias Hauke stoppen, Christopher Zeller schießen und Timo Weß auf den Ableger lauern. Augenblicke später schlägt der Ball im Tor ein, genau wie in Peking.

Ab dem kommenden Wochenende, wenn die Bundesliga startet, werden sich diese Szenen oft wiederholen. Aufsteiger Rot-Weiß Köln wird mit seinen sieben Olympiasiegern einer der Favoriten auf die deutsche Meisterschaft sein. Neben dem Eckenquartett spielen auch Nationaltorwart Max Weinhold und die beiden Mittelfeldspieler Benjamin Weß und Tibor Weißenborn in Köln – so viele Nationalspieler hat kein anderer Erstligist. „Du kriegst von jedem gesagt, dass du Meister werden musst“, sagt Trainer Christoph Bechmann. „Das ist schon ein enormer Druck.“

Bechmann will sich natürlich nicht beschweren. Denn der Druck ist hausgemacht. In den vergangenen Jahren dümpelte der zehnmalige Deutsche Meister Rot-Weiß Köln in der Zweiten Liga herum. Als drei ehemalige Spieler 2006 den deutschen Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft in Mönchengladbach sahen, kam ihnen eine Idee: Gute Spieler nach Köln locken, indem man neben dem Hockey ihre berufliche Ausbildung fördert.

Inzwischen fließt zwar in der ersten Hockeyliga auch Geld, aber selbst Nationalspieler sind von ihrer Ausbildung abhängig. Hier setzte das Kölner Konzept an: Die Spieler erhalten kein Geld vom Klub und arbeiten stattdessen ihrer Studienrichtung entsprechend bei Unternehmen. Die Zeller-Brüder zum Beispiel studieren Jura und jobben nebenher in Kanzleien. Bereits in der vergangenen Zweitligasaison kamen so die ersten sechs Nationalspieler nach Köln und schafften auf Anhieb den Aufstieg. Nach der Rückkehr in die Erstklassigkeit zog jetzt mit Tobias Hauke auch der Spielmacher der Nationalmannschaft nach.

Trainer Bechmann ist froh, dass die Nationalspieler nach Peking nun wieder mehr Zeit im Klub in Köln verbringen können: „Es geht jetzt darum, dass wir möglichst schnell ein Team werden.“ Seine Hauptaufgabe sei es, die Nationalspieler und den Rest der Mannschaft zusammenzubringen. Demnächst wird Bechmann übrigens auch wieder Ecken trainieren lassen. Denn er will die goldene Ecke ganz sicher noch häufig sehen. Martin Gropp

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