Sport : Für Haile Gebrselassie fing es ein bißchen langsam an

ROBERT HARTMANN

HELSINKI/FRANKFURT (MAIN) .Der Äthiopier Haile Gebrselassie stellte am Sonnabend nach den 26:22,75 Minuten über 10 000 m in Hengelo seinen zweiten Weltrekord innerhalb von 13 Tagen auf, diesmal mit 12:39,36 Minuten über 5000 m.Das lag nahe.Aber wie schon am 1.Juni hatte er auch beim Leichtathletik-Meeting in Helsinki zur Klage genug Anlaß."Ich bin nicht hundertprozentig zufrieden," sagte er.Wieso? Warum? "Der Anfang war ein bißchen langsam." Beinahe hätte ihm ja schon der erste seiner drei Tempomacher aus reiner Schusseligkeit das ehrgeizige Unternehmen verdorben.Der Kroate Branco Zorko zog den kleinen Pulk zusammen mit zwei jungen Landsleuten des Olympiasiegers nämlich in nur 2:33,91 über den ersten Kilometer.

Auch die beiden anderen, erst 19 und 20 Jahre alt, hatten offensichtlich nicht ihren besten Tag erwischt, waren wohl noch müde von mehreren eigenen Rennen in den vergangenen Wochen, so daß Gebrselassie immerhin über 2300 m lang auf sich alleine gestellt war.Mit einem Schlußkilometer von 2:27,83 Minuten und den letzten 400 m in nur 56,77 Sekunden zeigte er dann freilich seine außergewöhnliche Klasse.Schließlich war es ihm auch noch ein bißchen zu kühl in der finnischen Hauptstadt, die ihren letzten Weltrekord auf den zwölfeinhalb Bahnrunden vor 26 Jahren erlebte, aufgestellt von dem einheimischen Lasse Viren (13:16,4).

Im Augenblick spielt weder die berühmte finnische Schule - der für einmalig gehaltene Paavo Nurmi erzielte am 19.Juni 1924 14:28,2 Minuten - noch überhaupt der Weiße an sich eine führende Rolle.Die Rekordjagden auf den klassischen Langlaufstrecken werden von den ostafrikanischen "Höhenmenschen" inszeniert.Und jetzt hat Gebrselassie seine große Enttäuschung überwunden, in die er am 28.August vorigen Jahres fiel, als ihm die Kenianer Paul Tergat (26:27,85) auf der längeren und Daniel Komen (12:39,74) auf der kürzeren Distanz die Bestleistungen innerhalb von nur sechzig Minuten abnahmen.Doch er weiß genau, daß zumindest Komen damals schon müde war und nun nur auf die nächste Gelegenheit wartet.Allerdings ist er zur Zeit noch mehr mit Annäherungen an den 1500-m-Weltrekord befaßt.Diese jungen Burschen besitzen jedenfalls ein gesundes Selbstbewußtsein.

Wenn sie denn einzigartige Vorzüge besitzen, dann haben sie mit dem täglichen harten Leben zu tun, mit der warmen Erde, auf der sie barfuß ihre Kindheit verbringen und auch mit der Höhenlage, in der sich die roten Blutkörperchen vermehrt bilden, die Transporteure des Sauerstoffs.Gebrselassie ist mit 1,64 m nicht groß, doch seine Beine sind über die Maßen lang, sie schlenkern locker aus den Hüften, und sein Brustkorb wölbt sich geradezu mächtig aus dem kleinen Körper heraus.Er hat viel Platz für Herz und Lungen, und selbst in der kurzen Zeitspanne zwischen Hengelo und Helsinki flog er heim nach Addis Abeba, um sie auf seinem 3000 m hoch gelegenen Trainingsgelände wieder ruhig und richtig aufzupumpen.Aber Gebrselassies Wesen, die Dinge leicht zu nehmen, hilft auch.Er lacht gern, und er lächelt noch in einer Art, die naiv ausschaut, es aber nicht ist, wenn er zur Startlinie trippelt.Es wird gesagt, er sei eine Führernatur.

Die Souveränität des Äthiopiers zeigt sich auch in der Auswahl der Stadien für seine Rekordunternehmen, Hengelo und Helsinki.Beide Meetings gehören nur dem Grand-Prix-II-Wettbewerb an.Die neu eingeführte Golden League, in der für sieben Siege eine Million Dollar ausgelobt sind, reizt ihn nicht.Wenn er einen Rekord jagt, ist dies Streß genug, Gegner gleichen Ranges stören dabei nur.Es reicht, wenn er sich mit Komen zweimal im Sommer duelliert.Während der um drei Jahre Jüngere aus dem südlichen Nachbarland bisher auf sieben Weltrekorde verweisen kann, hat es Gebrselassie auf 14 gebracht, eine Zwischenstation."In diesem Jahr attackiere ich," sagte er in Hengelo.Mittlerweile befindet sich die Leichtathletik schon wieder mitten drin im Sommer der Ostafrikaner.

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