Sport : „Für mich ist jeder Spieler Kapitän“

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Herr Stevens, wie geht es Ihrer Stimme?

Ich denke gut. Aber weshalb fragen Sie?

Wenn man Sie hier im Trainingslager hört, gewinnt man den Eindruck, dass Sie sich nicht unbedingt schonen. Müssen Sie so laut sein?

Natürlich muss ich laut sein. Es sollen mich alle hören. Nur wer alles hört, kann lernen.

Die Spieler von Hertha mussten einiges lernen, seit Sie Trainer sind. Anders als bei Ihren Vorgängern müssen die Spieler gemeinsam zum Essen gehen. Sind Sie ein Kollektiv-Fanatiker?

Nennen Sie es, wie Sie wollen. Die Belange einzelner Spieler sind wichtig, aber nicht so wichtig wie die Belange des Kollektivs. Ich versuche eine gewisse Ordnung herzustellen. Im Spiel muss auch Ordnung herrschen.

Und Sie geben diese Ordnung vor?

Im Prinzip schon. Ich erkläre den Spielern, wie ich mir etwas vorstelle. Dann reden wir. Ich glaube, dass es den Jungs gefällt, darüber zu reden, Entscheidungen mit zu treffen.

Ausgenommen die Entscheidung, wer sich mit wem ein Zimmer im Trainingslager teilt. Sie haben alte Gewohnheiten geändert.

Das stimmt. Es interessiert mich nur bis zu einem bestimmten Punkt, was in der Vergangenheit bei Hertha war. Jetzt bin ich hier, und ich habe eigene Vorstellungen. Ich halte es für sinnvoll, wenn sich ein älterer Spieler das Zimmer mit einem jüngeren teilt. Es fördert die Gemeinschaft.

Sie gelten nicht unbedingt als Freund von Trainingslagern.

Oh doch. Im Sommer halte ich sie für unersetzlich. Aber warum im Winter? Da sehe ich keinen Sinn. Neue Spieler, die zu integrieren sind, kommen fast ausschließlich vor Saisonbeginn im Sommer. Ein Wintertrainingslager hat den Nachteil, dass sich die Spieler zweimal akklimatisieren müssen. Einmal, wenn sie aus der Kälte Deutschlands in den Süden Europas reisen, oder sogar noch weiter weg, wo die Sonne scheint. Und dann noch einmal, wenn sie in die Kälte zurückkehren. Diese Umstellungen rauben Kraft und Zeit. Dabei ist die Winterpause ohnehin schon viel zu kurz.

Eine andere Entscheidung, die Sie getroffen haben, ist, dass Michael Preetz Kapitän bleibt.

Das ist nicht ganz richtig. Ich habe mich mit dem Mannschaftsrat ausgetauscht. Er war dafür, also habe ich Michael gefragt, ob er das wieder machen möchte. Außerdem halte ich diese Entscheidung für nicht ganz so wichtig. Ich brauche kein Sprachrohr in die Mannschaft hinein. Ich rede mit jedem Spieler. Für mich ist jeder Spieler Kapitän.

Sie gelten als energischer, strenger Trainer – Typ harter Hund. Gleichwohl fordern Sie den mündigen Spieler. Wie geht das zusammen?

Das Wichtigste ist, dass die Spieler sich artikulieren. Auf dem Platz müssen sie viele Entscheidungen in kurzer Zeit treffen. Wenn sie erst warten würden, dass ich von der Seitenlinie eingreife, wäre es zu spät. Ich versuche, Spieler so funktionieren zu lassen, dass sie sich ernst genommen vorkommen und Spaß haben. Denn wer Spaß hat, der lernt auch etwas. Und am besten lernt man in der Verantwortung. Ich möchte, dass sich die Spieler wohl fühlen in ihrer Verantwortung.

Es fällt auf, dass Sie während des Trainings sehr oft und sehr laut mit den Brasilianern sprechen. Weshalb?

Das ist einfach: Ich will, dass sie Deutsch sprechen, dass sie die Sprache lernen. So schnell und so gut es geht. Marcelinho beispielsweise hat Spaß im Blut. Das soll sich auf die ganze Mannschaft übertragen. Dafür brauchen wir eine gemeinsame Sprache.

Von Alex Alves ist bekannt, dass er nur spricht, wenn er Lust hat.

Das wurde mir auch erzählt. Wenn ich mit Alex über Geld rede, dann spricht er schon. Im Ernst: Ich bin doch auch ein Ausländer. Mit den Niederländern in der Mannschaft spreche ich auch nicht Niederländisch. Wir können nur dann erfolgreich arbeiten, wenn wir genau verstehen, was wir voneinander wollen. Und das geht bis ins kleinste Detail.

Sie gelten als detailversessen. Sie haben eine Datenbank angelegt, wo sie sämtliche Informationen über Ihre Spieler zusammentragen. Bis hin zu den Geburtstagen ihrer Frauen.

Ich sage Ihnen, dass das enorm wichtig ist. Sehen Sie, ich arbeite mit Menschen intensiv zusammen. Das sind keine Maschinen, die von mir irgendeine Nummer kriegen. Ich möchte in die Gefühle der Spieler einsteigen. Ich möchte wissen, wie der Einzelne funktioniert, wie er denkt, warum er so und nicht anders reagiert. Das verlangt der Respekt, den ich dem einzelnen Spieler entgegenbringe. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich mit jedem gleich gut klarkomme.

Die erste Belastungsprobe wird kommen, wenn Sie einigen Spielern sagen müssen, dass für sie kein Platz in der ersten Elf ist.

Es gibt keine erste Elf und keine Stammplätze. Was die natürliche Begabung eines jeden Spielers anbelangt, habe ich bestimmte Vorstellungen für eine Formation. Aber sie müssen mir ihre Begabung zeigen.

Der Verein sucht derzeit einen Stürmer. Welche Begabung muss er haben?

Es kommen viele Dinge zusammen, die passen müssen. Angefangen von der Mentalität bis hin zu den Gehaltsvorstellungen.

Über das Gehalt kann verhandelt werden. Über die Mentalität nicht. Wie kriegen Sie heraus, ob ein Spieler passt?

Sicher kannst du dir nie sein. Aber du kannst versuchen, Dinge auszuschließen. Nehmen wir an, da gibt es einen Stürmer, der macht in drei Spielen zehn Tore. Den holst du, aber dann kommt er mit dem Geld, mit den Menschen, mit dem Leben hier nicht klar.

Also holen Sie lieber keinen Stürmer, sondern achten darauf, dass hinten die Null steht.

Darauf habe ich gewartet. Das verfolgt mich, seitdem ich in Deutschland bin. Das war so: Wir spielten mit Schalke im Uefa-Cup. Ich weiß gar nicht mehr, gegen wen. Wir hatten Heimrecht. Mit Blick auf das Rückspiel und wegen der Auswärtstorregel habe ich gesagt: Jungs, heute muss hinten die Null stehen. Einmal habe ich das gesagt. Was hat die Presse daraus gemacht? Einen Trainer, der sein Team defensiv ausrichtet. Was heißt schon defensiv? Die Ausrichtung hängt immer von den Fähigkeiten der Spieler ab. Wichtig ist, dass die Organisation stimmt. Um in die Offensive zu gehen, muss ich in Ballbesitz kommen. Wer holt die Bälle? Stürmer eher selten. Nein, ich werde auf eine Balance achten. Du brauchst einen Mix. Die besten elf Spieler sind nicht die erfolgreichsten.

Sie brauchen Erfolg und attraktiven Fußball. Das Berliner Publikum pfeift sogar bei Siegen.

Keine Angst, ich weiß, auf was ich mich eingelassen habe. Ich habe eine solche Herausforderung gesucht. Ich war sechs Jahre in Schalke. Ich glaube, wenn ich noch länger dort geblieben wäre, wäre das nicht gut für den Verein und für mich gewesen. Trainer zu sein, ist wundervoll. Wirklich eine tolle Arbeit. Der Verschleiß ist enorm. So intensiv, wie ich das tue, kannst du die Belastung besser in einem neuen Umfeld verkraften.

Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

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