Sport : Funkstille vor dem Tag der Wahrheit

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Von Frank Bachner

und Benjamin Quiram

Berlin. Es gab mal Phasen, da hätten die Fans auf der Tribüne des Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadions einen Monat Kehrwochen-Dienst als angemessene Strafe empfunden. Viorel Ganea im Einsatz am Besen und Putzeimer, das wäre es gewesen. Rache für die Bälle, die der Stürmer des VfB Stuttgart freistehend neben das Tor jagte. Deshalb will Rolf Rüssmann den Rumänen jetzt auch verkaufen. Der Manager des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart müsste jetzt nur noch den Vertrag des Stürmers verlängern. Der läuft 2003 aus, und wenn er länger terminiert ist, erhält der VfB Stuttgart eine höhere Ablösesumme. Vorausgesetzt, jemand nimmt Ganea. Aber seit vergangenem Freitag verhandelt Rüssmann nicht mehr mit Ganea. Auch nicht mit Sean Dundee, Jochen Seitz und Silvio Meißner, VfB-Profis, die bis 2003 unter Vertrag stehen. Am Freitag überwies die Kirch Media 21 Millionen Euro an die Deutsche Fußball-Liga (DFL). Gerade mal ein Fünftel der Mai-Rate, die der DFL aus dem TV-Vertrag zusteht. Und zwar bis zum 1. Mai, hat die Deutsche Presseagentur herausgefunden, nicht wie bislang gedacht, bis zum 15. Mai. Und was später kommt, ist völlig unklar.

Die Krise ist da. Sie ist jetzt ganz konkret. 80 Millionen Euro fehlen – erst einmal. Sie fehlen allen Vereinen. Und die stehen jetzt vor einem Problem. Die TV-Gelder sind teilweise ihre wichtigste Lebensader. Beim VfB Stuttgart zum Beispiel. Deshalb hat Rüssmann jetzt alle Gespräche eingestellt. Seitz und Meißner will er behalten, Dundee auf die gleiche Weise wie Ganea loswerden. Aber im Moment hängt er in der Luft.

Ausgerechnet jetzt. Denn jetzt werden die Jahresprämien fällig, vor allem aber auch die Beiträge der Klubs an die Berufsgenossenschaft. Dort sind die Spieler unfallversichert. 20 Millionen Euro, schätzt Annette Kröger, Sachbearbeiterin der Genossenschaft, müssen die 36 Klubs der Ersten und Zweiten Liga derzeit pro Jahr an ihr Haus überweisen. Und wenn das Geld knapp wird? Naja, sagt Kröger, natürlich gibt es Ratenzahlungen. „Aber nur in besonderen Fällen.“ Und in „extremen Fällen verzichten wir sogar auf Geld“. Nur ist die Pleite der Kirch Media, der Inhaberin der TV-Rechte, „kein extremer Fall“ (Kröger). Und Raten? Raten hat die Genossenschaft letztmals zwischen 1995 und 1997 gewährt. Da waren die Beiträge in kurzer Zeit stark gestiegen, Vereine gerieten in Not. Und heute? „Die Genossenschaftsbeiträge sind gesichert“, verkündete gestern Herthas Pressesprecher Hans-Georg Felder. Der Etat seines Klubs wird zu rund 35 Prozent aus TV-Geldern gespeist.

Auch bei Werder Bremen beginnen sie jetzt zu rechnen. Der Klub ist schuldenfrei und kann, sagt Aufsichtsratschef Franz Böhmert, eine gewisse Zeit problemlos überstehen. Aber 43 Prozent des Etats werden über die Fernseheinnahmen finanziert. Und deshalb wird Torsten Frings wohl doch gehen. Werders Star hat noch einen Vertrag bis 2003, jetzt würde Dortmund rund sechs Millionen Euro zahlen. 2003 gar nichts. Im Vorstand überlegen sie nun einen Verkauf, bislang öffentlich ein Tabu.

Energie Cottbus kann sich solche taktischen Spielchen erst gar nicht leisten. „Wir warten noch auf fünf bis sechs Millionen Euro aus der jüngsten Rate“, sagt Präsident Dieter Krein. „Kommt das Geld nicht, muss man über Gehaltskürzungen sprechen.“ Krein setzt sich eine Frist bis 30. Mai.

Bei Bayer Leverkusen besteht der Etat (97 Millionen Euro) zwar auch zu 31 Prozent aus TV-Geldern, aber Manager Reiner Calmund kämpft mehr mit der Angst, den Meistertitel zu verpassen. Allein in der Champions League kassierte Leverkusen in dieser Saison bis jetzt 25 Millionen Euro. Calmund treibt mehr die Sorge um die Konkurrenten um. Nichts, sagt er, sei langweiliger als die Dominanz dreier Spitzenklubs. „Wenn das ganze Gebilde in Gefahr gerät, muss man handeln“, sagt Calmund.

Aber wer soll handeln? Calmund jedenfalls erst mal nicht. Stattdessen redet er, und zwar ohne Punkt und Komma, davon, dass die Einnahmen aus dem Fernsehgeschäft weiterhin so hoch sein werden wie bisher. Show für die Öffentlichkeit? Keine Spur. Ein Bekannter des Leverkusener Managers sagt: „Der glaubt das wirklich.“

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