Sport : Furcht vor Lücke

Ferrari wird Schumacher nur schwer ersetzen können – denn er war mehr als nur ein Rennfahrer

Karin Sturm[Sao Paulo]

Wenn der Name Schumacher in diesen Tagen fällt, ist der Begriff Lücke nicht weit. Wie groß ist die Lücke, die sein Abgang in der Formel 1 hinterlässt? Die Antworten variieren je nach Position und Nationalität der Befragten – in einem Punkt sind sich freilich fast alle einig: Die größte Lücke wird Michael Schumacher bei seinem eigenen Team, bei Ferrari, hinterlassen. Sein Abgang, zusammen mit dem sehr wahrscheinlichen von Technik-Chef Ross Brawn, der wohl zumindest ein Pausenjahr einlegen wird, wird für die Scuderia schwer zu verkraften sein.

Der ehemalige Weltmeister Niki Lauda zum Beispiel, selbst einst Ferrari-Pilot, äußerte seine Bedenken dahingehend. Schumachers Ersatz Kimi Räikkönen sei zwar ein verdammt schneller Fahrer, aber nicht unbedingt der große Testfahrer, Arbeiter und Motivator. Mit Entwicklungen am Auto hat sich Räikkönen bislang nicht besonders lange aufgehalten.

Michael Schumachers spezieller Anteil am Erfolg Ferraris in den vergangenen Jahren ist jedoch genau hier zu suchen. Seine Arbeitseinstellung, sich auch Tage und Wochen in Testarbeit zu vergraben und das Team dabei in einer positiven Weise anzutreiben und zu motivieren, trug sicher einen großen Teil dazu bei, Ferrari erst einmal nach Jahrzehnten des Misserfolgs zum absolut dominierenden Team zu machen. Und auch, dass Ferrari nach der Krise 2005 so schnell wieder zurück zum Erfolg fand, ist Ergebnis dieses Einsatzes. Nicht umsonst waren es vor allem die Mechaniker des Testteams, die Schumacher nach seinem vermutlich entscheidenden Ausfall in Japan vor zwei Wochen trösten wollte, indem er ihnen allen eine Dankes- und Aufmunterungsbotschaft schickte. Und beim letzten Test in Jerez in der vergangenen Woche flossen in dieser Truppe dann auch einige Abschiedstränen. „Es ist wirklich traurig, dass er uns verlässt. Er ist ein außergewöhnlicher Pilot und auch ein guter Freund. Er wird uns sehr fehlen“, sagte Ferraris Testfahrer Luca Badoer.

Dass sie zu Kimi Räikkönen ein ähnliches Verhältnis aufbauen können wie zu Schumacher, bezweifeln viele der Ferrari-Mitarbeiter, gerade in den unteren Etagen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich der reservierte Finne ähnlich wie Schumacher oft privat mit ihnen unterhält, sich sogar an die Geburtstage ihrer Kinder erinnert und Geschenke mitbringt. Wenn er es geschickt macht, könnte von dieser Situation Felipe Massa profitieren. Der Brasilianer kennt das Team bereits seit einiger Zeit, spricht perfekt Italienisch und hat in dieser Saison schon bewiesen, dass er Michael Schumacher zumindest in Sachen Geschwindigkeit kaum nachsteht. Dass ihn öffentlich noch kaum jemand so richtig auf der Rechnung hat, dass alle nur von Kimi Räikkönen als kommendem Ferrari-Superstar reden, kann ihm dabei eigentlich nur recht sein.

Michael Schumacher selbst will nicht in den Chor der Pessimisten einstimmen, die jetzt den großen Ferrari-Niedergang befürchten. Ein bisschen vorsichtig klingt es allerdings schon, wenn er sagt: „Es hat schon vor Schumacher Ferrari gegeben, und es wird auch nach Schumacher Ferrari geben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie gute Entscheidungen getroffen haben, um mich zu ersetzen, damit sie weiter erfolgreich bleiben. Wie sehr, das werden wir sehen – wer weiß das schon?“ Darauf wetten, ob sich Räikkönen oder Massa im Rennen um seine Nachfolge durchsetzen wird, will er auch nicht, allerdings schon aus Prinzip: „Ich wette nie!“

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