Fusion : Deutscher Sport auf dem Weg zur Einheit

Auf dem Weg zu einer Fusion sollen sich der Deutsche Sportbund und das Nationale Olympische Komitee für Deutschland am 10. Dezember in Köln auflösen. Die konstituierende Vollversammlung für einen neuen Dachverband des deutschen Sports ist für den 20. Mai nächsten Jahres vorgesehen.

Hanau/Hamburg (28.06.2005, 12:16 Uhr) - Der deutsche Sport hat einen großen Schritt auf dem Weg zu seiner Einheit getan. Nach den am Dienstag in Hanau vorgelegten Plänen sollen sich der Deutsche Sportbund (DSB) und das Nationale Olympische Komitee (NOK) für Deutschland am 10. Dezember in Köln auflösen. Die konstituierende Sitzung zu einem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) soll spätestens am 20. Mai 2006 stattfinden. Bei einem Vollzug würde die Nachkriegsordnung des deutschen Sports mit der Gründung des NOK 1949 und des DSB 1950 zu Ende gehen und ein einziger Dachverband die Repräsentanz und die Lenkung des deutschen Sports übernehmen. DSB-Präsident Manfred von Richthofen bezeichnet das Vorhaben als eine «produktive Revolution».

Die Vereinigungspläne stehen in einem 47-seitigen Abschlussbericht der Strukturkommission von DSB und NOK, den von Richthofen und NOK- Präsident Klaus Steinbach in Hanau allen Mitgliedsorganisationen und Mitgliedern vorlegten. Die kommenden Wochen sollen zu einer intensiven Diskussion in allen Gliederungen genutzt werden, bevor eine Satzungskommission die Verfassung des DOSB festlegt. Richthofen hält es für wahrscheinlich, dass der «sehr gute Entwurf» noch in einigen Punkten verändert wird. Doch insgesamt hält der DSB-Präsident den Prozess der Verschmelzung für «unumkehrbar».

Die Organisationsstruktur sieht unter Einschluss der zwei deutschen IOC-Mitglieder Thomas Bach und Walther Tröger ein 11- köpfiges, ehrenamtliches Präsidium vor, dem zwei Präsidialausschüsse für Leistungssport und Breitensport zuarbeiten. Das Präsidium ernennt ein von einem Generaldirektor angeführtes hauptberufliches Direktorium. Ihm sind zehn Geschäftsfelder unterstellt, vier Beiräte haben beratende Funktionen.

In der Vollversammlung des neuen Dachverbandes sollen 460 Stimmen vergeben werden. Davon geht die Mehrheit von 234 Voten an die 29 Spitzenverbände mit olympischen Sportarten. Diese Gewichtung schreibt die Charta des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vor. Ihre Einhaltung ist Voraussetzung dafür, dass der DOSB vom IOC als deutsches NOK anerkannt wird. Mit dem Stimmenübergewicht in der Vollversammlung fällt den olympischen Verbänden auch die gestalterische Mehrheit im neuen Dachverband zu. Zudem behalten sie ihr alleiniges Stimmrecht bei olympischen Kernfragen wie Olympia- Nominierungen. Ein Ausgleich für die Landessportbünde (94 Stimmen) soll unter anderem dadurch erreicht werden, dass diese im Breitensport-Ausschuss führend sind.

Die Ziele eines Zusammenschlusses von DSB und NOK, die in der Vergangenheit nicht selten als Konkurrenten aufgetreten sind, beschreibt der Abschlussbericht so: «Der Sport erhält ein verstärktes Gewicht im gesellschaftlichen Wettbewerb um Ressourcen.» Durch Verschlankung und Abschaffung von «überflüssigen, Zeit raubenden Gremien» erhöhe sich die Effizienz. Im Leistungssport werde «die dringend notwendige Optimierung der Zentralfunktionen» erreicht. Im Marketing und in der Vermarktung werde auf Bundesebene ein einheitliches Vorgehen geschaffen. Die Zusammenlegung der beiden Geschäftsstellen mit gegenwärtig 100 DSB- und 25 NOK-Angestellten sorge «mittelfristig für finanzielle Synergie-Effekte».

Richthofen und Steinbach zeigten sich optimistisch, dass der deutsche Sport die weiteren Hürden auf dem Weg zur Vereinigung überspringen werde. Der DSB muss sich mit einer Zweidrittel-Mehrheit auflösen, das NOK benötigt gar eine Dreiviertel-Mehrheit. In der Vergangenheit hatte vor allem NOK-Ehrenpräsident Tröger Sinn und Nutzen einer Vereinigung in Frage gestellt. Opposition ist zudem aus den Reihen der 33 Persönlichen Mitglieder des NOK zu erwarten, denen nur in einer Übergangsphase Bestandsrecht eingeräumt wird. Einige Landessportbünde wollen ihre Minderheitenposition durch ein Vetorecht bei Satzungsänderungen gestärkt sehen.

Schon bald dürfte auch die Personaldiskussion heftig einsetzen. Durch die Abschaffung von rund 20 Gremien in DSB und NOK und die Verringerung von 34 Präsidiumsplätzen auf elf werden die Funktionärsposten umkämpfter denn je sein. Als Anwärter für die Präsidentschaft scheidet von Richthofen aus, er hat seinen Rückzug ins Privatleben angekündigt. NOK-Präsident Steinbach lässt bisher keine Ambitionen erkennen. Bundesinnenminister Otto Schily (72), der sich stark im Sport engagiert, fiele als Kandidat nach einer SPD- Wahlniederlage schon deshalb aus, weil für wählbare Funktionsträger eine Altersgrenze von 70 Jahren eingeführt werden soll. Der oft als möglicher Kandidat genannte Fecht-Olympiasieger und Wirtschaftsanwalt Bach sagt: «Erst müssen die Sachfragen entschieden werden. Noch ist die Fusion nicht in trockenen Tüchern. Ich empfehle, die Sachdiskussion nicht durch Personalfragen zu erschlagen. Das Modell ist so überzeugend, dass es der eine oder andere nicht aus Egoismus zu Fall bringen sollte.» (Von Günter Deister, dpa)

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