Sport : Fussball-Aktien: Die Sieger

Matthias Thibaut

"50 000 Cockneys", höhnen die Fans von Leeds United in Sprechchören, wenn sie im Old-Trafford-Stadion bei Manchester United zu Gast sind. Sie witzeln damit über die Fans, die angeblich mehr Interesse am Aktienkurs ihres Klubs als an den Spielergebnissen haben. "Man muss den Sauerstoff mitbringen, so wenig Atmosphäre ist in Old Trafford", lautet ein Spruch. Sogar United-Kapitän Roy Beane stimmte in den Protest ein. "Sie sitzen in den VIP-Logen und essen Krabbenbrötchen, anstatt das Spiel zu verfolgen", schimpfte er.

Manchester United ist der reichste, populärste, geschäftstüchtigste und am meisten gehasste Fußballklub der Welt. "Klar, Erfolg macht neidisch", sagt Fan Oliver Houston voller Stolz. Doch als ManU diese Woche zum drittenmal hintereinander zum reichsten Fußballklub der Welt erklärt wurde, brach der Klassenkampf aus. Michael Hann, der die Rangliste veröffentlicht hatte, konnte Spitzenspieler Keane vorrechnen, dass die "Krabbenesser" sein Wochengehalt von 150 000 Mark aufbringen. Durchschnittlich drei Spieler, so die Studie, werden in englischen Klubs durch VIP-Suiten und "Corporate Hospitality" finanziert. "Aber wir, die Hardcore-Fans, bringen die Atmosphäre", kontert der Fanclub "United Shareholders". Mitten durch den Verein geht die Bruchstelle zwischen dem Lokalklub mit traditioneller Loyalität sowie dem Spitzenklub und globalem Entertainmentkonzern.

1999 verbuchte Manchester einen Umsatz von 110 Millionen Pfund, umgerechnet knapp 350 Millionen Mark. Der zweitreichste Verein, Bayern München, hatte 100 Millionen Mark weniger. Nach der aktuellen Bilanz vom Sommer 2000 stieg dieser Betrag weiter auf 116 Millionen Pfund. Der Kartenverkauf bringt immer noch den größten Anteil in die Kasse - im Bilanzjahr 1999/2000 36 Millionen Pfund. Die ManU-AG hat aber selbstverständlich noch weitere Einnahmequellen - und die sprudeln überdurchschnittlich reichlich: TV-Rechte, Corporate Packages, Sponsoring und natürlich der Fanartikel-Verkauf - Letzerer mit einem Umsatz von 23 Millionen Pfund.

Als Manchester im August - nach Abschluss eines 30 Millionen Pfund schweren vierjährigen Werbevertrags mit Vodafone - die neuen Trikots vorstellte, standen die Kids Schlange. Vergessen war das Geschimpfe über den Preis von 100 Mark für ein Kindertrikot. Familien traten an, um Hunderte von Mark für die Ausstattung der Kids auszugeben. Denen reicht es nicht, den roten so genannten Home Strip zu besitzen. Sie brauchen auch das Auswärts-Trikot und das "third choice strip". Pro Woche werden 10 000 Trikots verkauft. Überdurchschnittlich viele natürlich von Stürmer David Beckham, der gefeiert wird wie ein Popstar.

Doch mit dem Boom wachsen die Ansprüche. Als United einen Deal mit Sportartikelhersteller Nike ab 2002 (Wert: 300 Millionen Pfund für 13 Jahre) bekannt gab, empörte sich nicht nur der alte Trikothersteller Umbro. Auch Fans, die gerade neue Hemden gekauft hatten, forderten, die "Gültigkeitsdauer der Trikots öffentlich" bekannt zu geben. Und es bleibt nicht bei Trikots. Ein Fan schläft in roter ManU-Bettwäsche und lässt sich vom ManU-Wecker "Fred the Red" wecken. Er kleidet sich im ManU-Modeladen ein, kauft Bücher, Videos und bezahlt die Gebühren für "ManU TV". Sogar der geheiligte Rasen von Old Trafford wird alle paar Jahre in Quadratstückchen verkauft.

Als globaler Markenname ist Manchester United Millionen wert. Über die Website, die zum Profitcentre ausgebaut wird, reicht das Kommerznetz um den Globus. Drei Viertel der elf Millionen Seitenabrufe kommen aus dem Ausland, ein Drittel der Klub-Accessoires geht nach Asien. In Schanghai hat ManU mehr Fans als zu Hause.

Oliver Houston ist der Kommerz recht - sofern er den Erfolg von ManU sichert. "United Shareholders" vertreten die Interessen der 32 000 Kleinaktionäre, die 20 Prozent der Aktien halten. Für Houston ist Aktienbesitz die ultimative Form der Loyalität. Sein Verband war es, der den erfolgreichen Aufstand gegen die geplante Übernahme durch den Medienkonzern BskyB anzettelte. Bei der letzten Jahresversammlung beantragte er, auf eine Dividende zu verzichten und das Geld für Spielerkäufe zu verwenden.

Die "United Shareholders" wollen nicht nur verdienen. Sie fordern mehr Transparenz, billigere Eintrittskarten für Jugendliche und eine bessere Behandlung der Ex-Spieler. Sie haben durchgesetzt, dass Management und Fans besser kommunizieren. So schließt "Shareholder Demokratie" den Graben, den der Kommerz durch das Herz des Vereins gezogen hat. Und das Geld fließt weiter.

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