Sport : Fussball-Aktien: Die Vorsichtigen

Die Führungsspitze von Hertha BSC versichert

Dieter Hintermeier (41) arbeitet als Finanzexperte für das Anlegermagazin "Telebörse". Der 41-jährige Diplom-Volkswirt beobachtet intensiv das Geschehen bei börsennotierten Fußball-Vereinen in Europa. Der Redakteur verfolgt auch die Entwicklung eines Klubs wie Hertha, der in eine Kapitalgesellschaft auf Aktien umgewandelt wurde.

Die Führungsspitze von Hertha BSC versichert derzeit in jedes Mikrofon, dass ein Gang an die Börse erst mal nicht vorgesehen ist. Erspart der Verein damit seinen misstrauischen Mitgliedern viel Ärger?

In diesen unsicheren Börsenzeiten kann man diese Entscheidung der Vereinsspitze sicher nachvollziehen. Welche Aktiengesellschaft möchte schon gleich am Tag des Börsengangs die Investoren enttäuschen?

Hätte denn Hertha im Moment überhaupt die Voraussetzungen für einen Börsengang?

Die Story des Unternehmens muss bei einem Gang an den Kapitalmarkt stimmen. Das heißt für Hertha BSC: Investoren müssen davon überzeugt sein, dass in dem Verein auf Dauer sportliches Potenzial steckt. Und das wird am besten dadurch dokumentiert, dass der Verein immer die Champions-League-Ränge erreicht, weil dort das meiste Geld zu verdienen ist. Solch eine Champions-League-Garantie kann zurzeit in Deutschland nur Bayern München geben. Hertha BSC kann diese Garantie - noch - nicht geben. Das macht den Verein für potenzielle Investoren schlicht und ergreifend zum Risikofaktor. Und: Hertha sollte sich künftig turbulente Auseinandersetzungen wie beim vergangenen Präsidentenwechsel ersparen. Die haben zwar Unterhaltungswert fürs breite Publikum, hinterlassen aber bei Investoren einen unprofessionellen Eindruck.

Borussia Dortmund ging an die Börse, Hertha zögert. Was unterscheidet diese Vereine?

Das Fanpotenzial, das der BVB anspricht, ist wesentlich größer und konstanter als das von Hertha. Auch hat die Borussia, im Gegensatz zu Hertha, sportliche Erfolgstauglichkeit bewiesen. Der BVB kann Deutsche Meisterschaften oder den Champions-League-Gewinn vorweisen. Solche Titel sucht man in der jüngeren Hertha-Geschichte vergebens.

Aber die BVB-Aktie ist im Sinkflug. Hängt das auch damit zusammen, dass sie mit einem zu hohen Wert an die Börse gebracht wurde?

In der Tat: Der BVB hatte die Messlatte, trotz eines denkbar schlechten Börsenumfeldes, sehr hoch gelegt. Das spricht zwar für das Selbstbewusstsein des Managements, brachte aber den Investoren bis jetzt nur Verluste. Für den BVB blieben nach dem Börsengang rund 270 Millionen Mark in der Vereinskasse hängen. Das zeigt, am BVB-Beispiel, wer das Risiko bei einem Börsengang zu tragen hat - die Investoren, die Anteile an der Fußball-AG zeichnen. Diese sollte man aber nicht zu lange enttäuschen, sonst ist der Kurs gänzlich im Keller.

Löst bei Ihnen der jüngste Geschäftsbericht von Hertha BSC Stirnrunzeln aus?

Hertha ist mit rund 27 Millionen Mark allein bei Kreditinstituten verschuldet. Insgesamt weist die Bilanz über 44 Millionen Mark an Verbindlichkeiten aus. Das ist viel Geld, auch wenn diesen Verbindlichkeiten zum Beispiel Vermögenswerte gegenüberstehen. Können diese Schulden nicht merklich abgebaut werden, und zwar aus eigener Kraft, dürften Hertha-Investoren mehr als irritiert sein, denn die wollen dem Verein nicht beim Schuldenabbau zur Seite stehen. Investoren wollen auf den sportlichen Erfolg von Hertha spekulieren.

Die Zuschauerzahlen von Hertha liegen unter dem kalkulierten Saisonschnitt. Wie stark beeinflussen bei der Flut von Fernseh-Übertragungen Zuschauerzahlen einen Börsenkurs?

Zuschauerzahlen dokumentieren den Marktwert des Vereins bei den Fans. Gehen diese zurück, könnte daraus zu schließen sein, dass der Stern der Marke Hertha sinkt - und zwar nicht nur bei den Anhängern, sondern auch bei den Investoren.

Wo sind bei Hertha im wirtschaftlichen Bereich die Schwachstellen?

Die Verbindlichkeiten des Vereins müssen deutlich zurückgeführt werden. Darüber hinaus sollte der Verein in Zukunft erheblich höhere Gewinne ausweisen als bisher. Bayern München wartet mit einem Gewinn von aktuell 17 Millionen Mark auf, Hertha mit rund 380 000 Mark.

Bedeutsam für die Einschätzung eines Fußballklubs, der an der Börse ist oder zumindest als Kapitalgesellschaft auftritt, ist das Management. Wie beurteilen Sie die Arbeit der Hertha-Führung?

Das operative Management, hierzu zählt natürlich auch Manager Dieter Hoeneß, hat erfolgreich gearbeitet. Der Verein schaffte den Sprung zum Champions-League-Teilnehmer. Wenn der prominent besetzte und öffentlichkeitsbewusste Aufsichtsrat im Zaum gehalten wird, kann das Management in Ruhe arbeiten. Hertha muss innerhalb der Führungsspitze einen Kurs fahren, und der Aufsichts- und Wirtschaftsrat darf sich nicht in das operative Geschäft einmischen.

Hertha spielte bis Donnerstagabend im Uefa-Pokal. Ist schon allein die Teilnahme bloß an diesem Wettbewerb ein Grund dafür, erst mal nicht an die Börse zu gehen?

Es mag zwar hart klingen, aber bei den jetzigen internationalen Wettbewerbsstrukturen reicht die Teilnahme am Uefa-Pokal vermutlich nicht. Die Champions League sollte sich Hertha schon in jeder Saison zum Ziel setzen und auch erreichen, denn erst dort fließen die Fernsehgelder von Anfang an.

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