FUSSBALL als Videokunst : Alleinsein mit Zidane

Lucas Vogelsang

Ein Mann bei der Arbeit. Schweiß tropft von seiner Stirn, rinnt ihm den Hals hinunter. Er wirkt angespannt, einsam. Doch 17 Kameras verfolgen jeden seiner Schritte. Auf seinem weißen Trikot ein schwarzglänzender Name: Zidane. Der Installationskünstler Douglas Gordon und sein Partner Philippe Parreno haben mit „Zidane - Ein Portrait im 21. Jahrhundert“ einen absoluten Film über Fußball geschaffen, in dem der Fußball fast nie auftaucht und dabei ganz bewusst mit den Sehgewohnheiten des Zuschauers bricht. „Wir zeigen einen anderen Zidane als man ihn erwartet hat, aber beim nächsten Mal wirst du ihn mit anderen Augen sehen“, erklärt Douglas Gordon, der auf den ersten Blick nicht aussieht wie ein Künstler, dem Weltruhm anhaftet. Der Schotte wirkt eher wie eine Figur aus Irvine Welsh’s Trainspotting. Seine Heimat Glasgow trägt er in der Stimme. „Es ist, als würde man jemandem dasselbe Essen anders servieren - er wird es bewusster schmecken.“ Gordon, der Anfang der 90er mit der Installation „24 hour Psycho“ berühmt wurde und 1996 den renommierten Turner-Preis erhalten hat, beschäftigt sich immer wieder mit der Dekonstruktion von Ikonen und der dunklen Seite der menschlichen Psyche. Auch deshalb hat er in Zidane die ultimative Projektionsfläche gefunden. „Zidane ist ein Enigma. Er ist trotz seines Ruhms immer ein Außenseiter geblieben. Die Abgründe dieser Figur haben uns gereizt.“ Gordon ist aber auch ein Künstler, der Zeit und Raum modelliert, bis sie sich seiner Sicht auf die Welt angepasst haben. Er dehnt die Realität, bis sie zu zerreißen droht. In „Zidane“ zersplittert die Dramaturgie des Fußballspiels unter den Schnittfolgen, die in Videoclip-Rasanz wechseln. Irgendwann ist das Spiel egal. Es existiert nur der Raum um Zidane, seine Mitspieler huschen als verwaschene Schatten durch den Hintergrund. Fast hat man das Gefühl, dass er sie kaum wahrnimmt. Beinahe manisch hetzt Zidane über den Platz. Und erst die endlos erscheinenden Close-Ups, das quälend lange Alleinsein mit Zidane zeigen etwas, das der Fußball in der Totalen bislang geheim gehalten hat: Das Spiel rotiert nicht um Zidane, vielmehr wirkt der Franzose seltsam isoliert. „Manchmal wirkt das fast hyperrealistisch“, sagt Gordon, der die Idee, Zidane in ein filmisches Kunstwerk einzubetten fast zehn Jahre in sich getragen hat. „Zidane war perfekt. Seine Physik, sein Auftreten, das ist filmisch“, sagt Gordon heute. Es ist aber auch der Mythos Zidane, der eine Fallhöhe erzeugt, die dem Film einen kalkulierten Absturz ermöglicht. Die unverfälschte Ehrlichkeit unmittelbarer Nähe entmystifiziert Zidane mit gnadenloser Präzision. Das eigentlich Verstörende an diesem Film aber ist sein Ende: Zidane lässt sich zu einer Tätlichkeit hinreißen, die ihn aus dem Spiel nimmt. „Mit dem, was in Berlin passiert ist, war es auf einmal, als wäre unser Film eine dunkle Vorahnung gewesen“, sagt Gordon. Der Film wurde 2006 in Cannes uraufgeführt, doch erst die 109. Minute in Berlin, machte ihn zu einem besonderen Werk der Zeitgeschichte. Ein Kunstwerk, schneller als die Realität, weil Gordon wieder mit der Zeit gespielt hatte und Zidane als tragischen Helden abbilden konnte, lange bevor die Stirn des Franzosen in Materazzis Brustkorb gekracht war. Die finalen Bilder gleichen sich: Zidane verlässt den Platz, in sich gekehrt, der Blick ist leer. Die Tonspur dröhnt. Es ist ein Moment wie ein Hörsturz.

Zidane geht als gebrochener Mann, einsam. Dann ist der Film zu Ende.Lucas Vogelsang

Die daad-galerie zeigt „Zidane - A 21st Century Portrait“ heute ab 17 Uhr in Anwesenheit der Künstler. Zimmerstraße 90-91 in Mitte

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