Sport : Fußball, amore mio

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Ich habe vor ein paar Wochen Europa von Süden nach Norden durchquert, um mir den Fußball der anderen anzusehen, im Schaufenster von zwei Halbfinals der Champions League. Spanier, Engländer und Deutsche, Real Madrid, FC Barcelona, Manchester United und Bayer Leverkusen. Da ich immerhin seit einem Jahr schon meine Sünden abbüße, wenn ich daheim bei uns ins Stadion gehe, dachte ich mir, die Gelegenheit sei günstig, zu entdecken, dass es in den Stadien noch Fußball gibt, wo sie, um mit Platini zu reden, wissen, wie man spielt und Spaß dabei hat. Ich bin also losgezogen. Und ich habe es gesehen.

Faszinierend war vor allem das, was davor geschieht, vor dem Anpfiff. Ich will es so sagen: Ich begreife allmählich, dass Fußball ist, wenn ich sie, die Leute ins Stadion kommen sehe und vor allem: wenn ich sie essen sehe. Enttäuschung im Nou Camp in Barcelona. Umstandslos reihen sie sich dort in ein Inferno aus Autos und Mopeds ein, werfen sich einen dieser geschichtslosen Hotdogs ein (diese globalisierten Kioske, eine Scheibe spanischen Jamón bekommt man nicht mal, wenn man drum bettelt). Und wenn ein bisschen Zeit bleibt, dann landen sie im überfüllten Store von Nike, dem Sponsor von Barca, wo es viel Nike gibt und wenig Barca.

Bei Manchester ist das ganz anders. Die Partie fängt drei Stunden zuvor an. Zu Hause kleiden sie sich ein: rotes T-Shirt, schön eng um den Bierbauch, und los. Dann stehen sie dicht an dicht wie die Japaner in der Straßenbahn, die sie bis ins Stadion rumpelt. Zwanzig Minuten Albtraum für einen Klaustrophoben wie mich, aber das reine Vergnügen für sie, die nicht ohnmächtig werden, sondern singen, an den Haltestellen La-Ola-Wettbewerbe starten und die ersten Biere köpfen. Beim Aussteigen sammeln einige ihre Kinder wieder ein, die im Getümmel verloren gegangen waren, andere nicht. Macht nichts.

Alles läuft aufs Stadion zu, und während man sich noch fragt, warum sie zwei Stunden vor dem Anpfiff da hin ziehen, gibt einem der Gestank schon Antwort. Zunächst vermutet man eine Raffinerie in der Nähe, danach sieht man die Hamburger-Buden und begreift. Die letzte Kreuzung vor dem Stadion ist ein Meisterwerk. Da sind sie zu Hunderten, inzwischen abgeschlafft und mit viel freier Zeit, sie lehnen an den Wänden oder sitzen auf dem Boden und kämpfen mit Tellern voller mörderischen Zeugs. Von wegen Globalisierung: englische Küche (ein Widerspruch in sich)! Das Leichteste auf den Tellern ist eine Kartoffel unter einem Grabhügel Bohnen. Der Rest sind halbtote Pommes in Schmieröl-Soßen, die fröhlich mit Strömen von Bier hinuntergespült werden. Dafür braucht es die Konstitution eines Tiers. Sie haben sie.

Auf dem Spielfeld ist dann alles ganz anders. Fußball! Kann das bei diesen Voraussetzungen anders sein? Im Nou Camp war ein Klassiker zu sehen, Barca gegen Real Madrid. Eine Jahrhundertpartie, schrieben die Zeitungen, und sie haben untertrieben.

Nach zehn Minuten hatte man schon fünf Torschüsse gesehen, und es schien schon eine halbe Stunde vergangen zu sein. Nein, das ist kein Schachspiel: Im Nou Camp ist klar, dass es gut ist, wenn die Position gehalten, besser aber, wenn gespielt wird.

Also los mit dem Dribbling bis zum Rand der eigenen Spielfeldhälfte, kurze, schnelle Pässe im Mittelfeld, nie schießen, ohne anzutäuschen, systematisch nach vorn rennen, um einen Pass zu fordern. Und halb so schlimm, wenn man dann nicht auf die eigene Position zurückkommt. Ergebnis: Torschüsse wie aus dem Maschinengewehr und ein Publikum, das rast. Es kommt mir so vor, als bedeute ihnen auch Siegen etwas, aber irgendwie sind sie sich einig, dass man entweder so gewinnt oder gar nicht.

In Manchester läuft die Sache anders. Ganz anders. Weil Bayer Leverkusen ein Spiel anrührt, das nach Italien schmeckt, und die Red Devils von ManU, sie kleben darin. Der Trainer der Deutschen muss den calcio italiano studiert haben: Er stellt Spieler auf den Platz wie Chips auf einen Roulettetisch, Er sieht aus wie eine alte Dame mit lila Frisur, die alle Häuschen abdeckt und dann aufspringt und „Bingo“ schreit. Was in diesem Fall ein für die Deutschen luxuriöses 2:2 ist. Auf der anderen Seite die Red Devils: Die haben einen anderen Fußball im Sinn, aber auf dem Platz wirken sie wie Schwimmer, die auf der Autobahn im Stau stehen und vom Meer träumen. Aus dem Sumpf einer rein taktischen Partie schaffen sie es denn auch ein paar Mal, ihren Lieblingsangriff zu setzen, fast ein Markenzeichen, etwas, was nur sie so exakt hinbekommen (und manchmal, in Italien, auch Chievo).

In Manchester funktioniert das so: Sie leeren ein Stück des Spielfeldes, ja, sie riegeln es richtig ab. Ich weiß nicht genau, wie sie das machen, aber sie machen einen Teil des Fußballplatzes zum verlassenen Ort. Man würde sich nicht wundern, dort eine Familie beim Picknick zu treffen, so ruhig wirkt das Plätzchen. Und dann, wenn sie den Platz schön leergefegt haben, schleudern sie einen ihrer Leute hinein, der von wer weiß wo kommt und wer weiß wann gestartet ist.

Wenn man ihn sieht, hat er schon Höchstgeschwindigkeit, es ist eine Art Flucht zum Sieg. Und erstaunlicherweise hat der Mann dann auch den Ball zwischen den Füßen. Dann eine Flanke hinein in den Strafraum, ein Kopfball und endlich die Schlussapotheose, wie auch immer: Soweit es Fish and Chips erlauben, springt alles auf, um die Freude hinauszuschreien über einen Fußball, der – ach, was soll es: I love this game!

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