Fußball : Auf geht’s Gegner, schieß ein Tor!

Der italienische Zweitligist Ascoli Calcio hat mit einer ungewöhnlichen Fairplay-Aktion Aufsehen erregt

Tom Mustroph[Rom]
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Der Auslöser. Ascolis Kapitän Vincenzo Sommese (M., hier noch im Trikot von Mantova) ignorierte eine Verletzung des Gegners. Foto:...

Es geschehen noch Zeichen und Wunder in Italien. Während weiterhin der Schmutz des Fußballmanipulationsskandals um Juventus Turin aufgearbeitet wird, wurde der Blick auf den trostlosen Zustand des Calcio kürzlich an der Adriaküste ganz überraschend aufgehellt – von einer unerwarteten Geste des Fairplays, die weltweit Beachtung fand. Im Zentrum stand der stark abstiegsgefährdete Zweitliga-Klub Ascoli Calcio, der in der ersten Halbzeit zunächst ein umstrittenes Tor erzielt, nach heftigem Streit dem Gegner aus Reggio Calabria aber den Ausgleich ermöglicht hatte.

Zugetragen hat sich die wundersame Geschichte Anfang des Monats. Carlos Valdez, Verteidiger bei Reggina, war in der Begegnung nach einer Viertelstunde von plötzlichen Muskelproblemen geplagt worden. Er versuchte, den Ball ins Aus zu befördern und machte mit erhobenem Arm auf seine Situation aufmerksam. Alle Akteure stellten das Spiel ein. Alle bis auf Vincenzo Sommese. Der Kapitän Ascolis erwischte die Kugel noch vor dem Passieren der Seitenlinie, lief an den bewegungslosen Gegenspielern vorbei und bediente seinen Stürmer Mirko Antenucci. Der platzierte den Ball locker im Tor. Spieler und Anhänger des Erstliga-Absteigers aus Kalabrien schäumten vor Wut, eine Schlägerei brach aus. Verteidiger Andrea Costa nahm sich Sommese vor und wurde deswegen mit Rot vom Platz gestellt. Bei konsequenter Regelauslegung hätte Schiedsrichter Pinzani allerdings die halbe Belegschaft in die Kabine schicken müssen.

Nachdem sich die Gemüter etwas beruhigt hatten, holte Ascolis Trainer Giuseppe Pillon seine Profis zusammen. Sie entschieden: Die Jungs von der Reggina regen sich zu Recht auf, wir schenken ihnen ein Tor. Als das Spiel wieder frei gegeben war, blieben sie regungslos stehen. Regginas Biagio Pagano trabte mit Ball am Fuß unbehelligt über das halbe Feld und schob das Leder am Torwart, dessen Arme ans Trikot angenäht schienen, vorbei ins Tor. Reggina machte danach in Unterzahl sogar noch zwei reguläre Tore und gewann das Spiel 3:1.

Wegen der Niederlage ihres abstiegsgefährdeten Teams nahmen die Fans von Ascoli die Fairplay-Aktion eher ungehalten auf. Einige Anhänger bedrohten Team und Trainer derart, dass diese sich noch zwei Stunden nach dem Spiel in der Kabine verstecken mussten. Trainer Pillon verteidigte aber das Handeln der Mannschaft. „Wir haben ein Zeichen gesetzt. Wir haben getan, was in unserer Macht stand, um eine Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen. Erinnert euch daran, wie sich Frankreich verhalten hat“, erklärte er und spielte damit auf das Handspiel Thierry Henrys in der WM-Qualifikation gegen Irland an.

Nach der ersten Aufregung aber empfanden Ascolis Fans vor allem Stolz für ihre Mannschaft. Alle Welt berichtete über die ungewöhnliche Geste ihrer Lieblinge. Ascoli steht zwar weiterhin auf einem Abstiegsplatz, räumt in Italien derzeit aber alle Fairplay-Pokale ab und ist auch ein ganz heißer Kandidat für die nach der Saison von der Fifa vergebene Fairplay-Trophäe. Eine Untersuchung wegen Spielmanipulation muss der Verein übrigens nicht fürchten. „Es ist klar, warum Ascoli das Tor zugelassen hat. Eine solche Handlungsweise liegt im Ermessen der Spieler und ist kein Anlass für ein Verfahren“, ließ der italienische Verband verlauten.

Es war nicht das erste Mal, dass sich im Stadion Del Duca von Ascoli eine kuriose Begebenheit ereignete. Vor 34 Jahren verhinderte ein Balljunge dort durch seine blitzschnelle Reaktion ein bereits sicher scheinendes Tor von Bolognas Angreifer Giuseppe Savoldi. Bologna gewann trotzdem 3:1 bei Ascoli. Aber Savoldi verpasste wegen dieses fehlenden Treffers die Torjägerkanone in der Saison 1974/75.

Dass ganz Italien nun friedlich im Fairplay versinkt, ist zu bezweifeln. Es wäre schon viel erreicht, wenn sich mehr Spieler an Leuten wie Gianluigi Buffon, Giampaolo Pazzini und Daniele De Rossi ein Beispiel nehmen würden. Juventus Turins Torhüter Buffon informierte in dieser Saison im Duell der Titelkandidaten gegen Inter Mailand den Schiedsrichter von seiner Ballberührung und verhalf damit dem Rivalen zu einem Eckball. Pazzini gab im Herbst bei einem Testspiel der Nationalmannschaft ein Handspiel beim Torerfolg zu. Und Roms Defensiv-Recke De Rossi bekannte vor drei Jahren im Ligaspiel gegen Messina ebenfalls, ein Tor per Hand erzielt zu haben. Wer ehrlich ist, landet zumindest in den Geschichtsbüchern. Das ist doch tröstlich.

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