Sport : Fußball-Bundesliga: Ansichten ohne Einsichten

Karsten Doneck

Bevor er einen Eckball tritt, rudert er schon mal wüst mit den Armen in der Luft herum. Die Geste gilt dann dem Publikum. Sie hat Aufforderungscharakter: Macht doch mal Stimmung, unterstützt uns! Meist reagieren die Anhänger wie gewünscht: Es wird plötzlich laut im Stadion, und manchmal meint man gar, der Ball würde bei der Ausführung des folgenden Eckstoßes nicht mehr vom Spieler getreten, sondern allein vom rhythmischen Klatschen der Zuschauer in den gegnerischen Strafraum getragen.

Keine Frage: Stürmer Franklin Bitencourt kommt an bei den Fans des Fußball-Bundesligisten FC Energie Cottbus. Die spüren genau: Da spielt einer, der ist nicht nur mit Leib, sondern vor allem auch mit der Seele einer der Rot-Weißen. Dabei ist Bitencourt eigentlich ein untypischer Brasilianer. Einer, der nicht das Fußball-Ballett pflegt, sondern der - wenn nötig - hemdsärmelig schuftet, so wie der Arbeiter, der da in seiner Freizeit auf dem Stehplatz im Stadion der Freundschaft den FC Energie anfeuert. Schwächere Auftritte werden einem solchen Spieler eher verziehen als anderen. Bitencourt - der Mann fürs Volk. Ein Sympathieträger.

Bis Sonntagabend zumindest. Beim - im wahrsten Sinne des Wortes - hart erkämpften 1:0-Sieg der Cottbuser über Hansa Rostock entlarvten ihn die Fernsehbilder als Schauspieler. Nach einem eher dezenten Rempler des Schweden Peter Wibran sank Bitencourt zu Boden. Dort hielt er sich - geradewegs so, als habe ihm der junge Mike Tyson einen Faustschlag mitten auf die Nase gerammt - das Gesicht. Dabei hatte Wibran mit den Händen lediglich Bitencourts Brust und Rippen leicht touchiert. Trotzdem zeigte Schiedsrichter Herbert Fandel dem Rostocker die Rote Karte. Zweck erfüllt. Bitencourt wandelte sich blitzartig vom sterbenden zum quicklebendigen Schwan, spielte putzmunter weiter. Kurz nach Spielende mit den Fernsehbildern dieser Szene konfrontiert, zeigte Bitencourt keinerlei Reue. "Zum Sport gehört das doch dazu", sagte der Energie-Stürmer und verriet damit ein recht eigenartiges Verständnis von Fairplay.

Auf dem Rasen des Cottbuser Stadions der Freundschaft tobte auch in manch anderer Szene der Wilde Osten. "Auf den Agali ist regelrecht Jagd gemacht worden", konstatierte Hansa-Trainer Friedhelm Funkel erschrocken, wie sein nigerianische Stürmer immer wieder Zielscheibe rüdester Attacken war. Die übelste davon leistete sich Energie-Verteidiger Christian Beeck, als er dem bereits am Boden liegenden Agali noch mit den Stollen seines Schuhs auf den Oberschenkel trat. Klare Absicht, aber keinerlei Einsicht bei Beeck. Im Gegenteil. "Der Agali hat so viel ausgeteilt, der soll mal nicht rumjammern", meinte Beeck. Und plapperte, jegliches Fingerspitzengefühl außer Acht lassend, noch ein bisschen weiter. "Ich wollte auf den Ball treten. Wenn ich mutwillig jemanden kaputtmachen will, dann treffe ich mich mit dem hinterher und haue ihm ein paar auf die Lichter." Beeck ist übrigens Kapitän beim FC Energie und als solcher auch Vorbild für die Mitspieler.

Schiedsrichter Fandel ließ Beeck unbestraft. Dafür nahm nun der DFB-Kontrollausschuss Ermittlungen in dieser Angelegenheit auf. Beeck und Agali wurden zu schriftlichen Stellungnahmen zu dem Vorfall aufgefordert.

Energie-Trainer Eduard Geyer wurden vom Fernsehen die rohen Szenen auch vorgeführt. Seine Reaktion? "Provozieren - das gehört doch zum Fußball dazu", stellte Geyer fest. Und: "Franklin hat provoziert, und der Schiedsrichter ist darauf reingefallen. Beecks Aktion war unsauber, aber der ist sonst nicht so. Ich werde aber diese Dinge unbedingt ansprechen müssen."

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