Fußball : Der traurige Messi

Der Cousin des Fußballstars vom FC Barcelona versucht sein Glück bei 1860 München II in der Regionalliga – bisher erfolglos.

Sebastian Krass[München]
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Nicht ganz der Cousin. Biancucchi durfte bisher noch nicht für 1860 spielen. Foto: Imago

An seinen Weihnachtsurlaub denkt Emanuel Biancucchi immer noch gern. Davor hat er ein halbes Jahr in Deutschland verbracht. Es war eine schwierige Zeit. Er verstand die Leute nicht und die Leute ihn nicht. Unzählige Stunden saß er vor dem Computer, telefonierte oder chattete mit Zuhause, um die Einsamkeit und das Heimweh ein bisschen zu lindern. Am schlimmsten aber war, dass er nur im Training Fußball spielen durfte, es gab Probleme mit der Spielberechtigung. Doch dann waren Ferien, und Biancucchi konnte endlich wieder die Familie in die Arme schließen, Mutter und Vater sowieso. Aber auch Maxi und Lionel, die kamen ja auch von weit her zurück nach Rosario im Norden Argentiniens. Maxi ist Emanuels Bruder, ein Fußballprofi, derzeit bei Flamengo Rio de Janeiro aktiv. Lionel ist sein Cousin, auch ein Fußballer. Er ist der Sohn von Emanuels Tante, deshalb heißt er nicht Biancucchi, sondern Messi. Er spielt beim FC Barcelona und ist einer der berühmtesten Fußballer überhaupt.

Emanuel Biancucchi ist jetzt wieder in München, beim TSV 1860, dessen Scoutingabteilung ihn vom argentinischen Traditionsverein Newell’s Old Boys herlotste. Der 20-Jährige gehört zum Kader der zweiten Mannschaft in der Regionalliga. Er lebt in einem recht spartanischen Zimmer im Jugendzentrum und hofft auf den Durchbruch als Profi – wie so viele.

Kommende Woche könnten sich die Wege der Cousins wieder kreuzen. Das Viertelfinale der Champions League will es, dass Lionel Messi mit seiner Mannschaft zum Rückspiel zum FC Bayern München reist. „Ich habe seit ein paar Tagen nicht mit Lionel gesprochen, aber ich hoffe, dass es klappt mit einem Treffen“, sagt Biancucchi. Und dass Lionel ihm Zugang in die ausverkaufte Allianz-Arena verschaffen kann, davon geht er aus.

Vorher aber steht an diesem Mittwoch das Hinspiel im Camp Nou an, das will er im Fernsehen anschauen. Doch es wird knapp. Am selben Abend, um 18.30 Uhr, spielt der TSV 1860 II bei der SpVgg Unterhaching II. Die Terminkollision wäre für Biancucchi weniger schlimm, wenn er nicht wieder zuschauen müsste. Doch das Problem mit der Spielberechtigung schwelt noch. Er hat – wie so viele argentinische Fußballer, die ihr Glück in Europa suchen – die italienische Staatsangehörigkeit beantragt. Ein Papier fehlt noch.

An seiner schwierigen Situation in München hat sich nach einem Dreivierteljahr nicht viel geändert. Die Integration hakt, weil Biancucchi so gut wie kein Deutsch spricht. Am Montag durfte er mal wieder bei der ersten Mannschaft mittrainieren. Deren Trainer Uwe Wolf will „dem Jungen damit Mut machen“. Wolf spricht Spanisch, als einziger im Verein. Er ist der wichtigste, man könnte auch sagen, der einzige Bezugspunkt für Biancucchi, der mit seiner schmächtigen Figur und der unkapriziösen Frisur optisch an Messi erinnert. Auch die Spielanlage ist ähnlich, allerdings längst nicht so unwiderstehlich. Im Trainingsspiel ist der Ball meist weg, bevor Biancucchi losdribbeln kann. Einmal wagt er einen Seitfallzieher, doch der Ball fliegt in die Arme des Torwarts. „Er ist ein echter Straßenfußballer. Er kann Dinge mit dem Ball, die man kaum antrainieren kann“, sagt Trainer Wolf. „Aber er muss seinen rechten Fuß, die Physis und sein taktisches Verständnis stark verbessern.”

Sie hegen beim TSV 1860 weiter die Hoffnung, dass aus dem traurigen Talent eines Tages ein fußballerisches Juwel wird. „Sollte Ema mal nur halb so viel wert sein wie Messi, wäre das ein gutes Geschäft für den Verein”, sagt Wolf. Er selbst sagt, er denke nicht an Aufgeben. „Ich bin hier, um etwas zu erreichen. Dafür muss man sich opfern, Tag für Tag.”

Doch eines Tages will er zurück nach Rosario. Er hat da so eine Idee: „Ich möchte irgendwann wieder für Newell’s Old Boys spielen, zusammen mit Maxi und Lionel.”

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