Fußball : Deutsche in anderen Nationalteams

Deutsche Fußballer, die für andere Nationalteams spielen, sind keine Besonderheit mehr. Hier eine Auswahl

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Deutsch-kasachische Wand. An Heinrich Schmidtgal (vorne), dem kasachischen Nationalspieler in Diensten von Rot-Weiß Oberhausen, ist in der Zweiten Liga nur schwer vorbeizukommen. Foto: dpa
Deutsch-kasachische Wand. An Heinrich Schmidtgal (vorne), dem kasachischen Nationalspieler in Diensten von Rot-Weiß Oberhausen,...Foto: picture alliance / dpa

Seit einigen Tagen ist Heinrich Schmidtgal kasachischer Nationalspieler. In Deutschland aufgewachsen, ist Schmidtgal nicht der erste Deutsche, der sich für eine Nationalmannschaftskarriere bei einem anderen Verband entschieden hat.

Heinrich Schmidtgal: Für seine jüngste Reise nach Kasachstan benötigte Heinrich Schmidtgal wie jeder Tourist ein Visum. Nur dass Schmidtgal nicht in die Hauptstadt Astana flog, um Urlaub zu machen, sondern um als Nationalspieler für sein Geburtsland gegen Belgien und Deutschland (bei Redaktionsschluss nicht beendet) aufzulaufen. Schmidtgal ist Russlanddeutscher; als er zwei Jahre alt war, wanderte seine Familie nach Deutschland aus. Er spielte in Verl und Bochum Fußball und steht zurzeit bei Rot-Weiß Oberhausen unter Vertrag. Die Aussicht, international gegen Größen wie Xavi, Ronaldo oder Özil zu spielen, gab letztlich den Ausschlag, für Kasachstan zu spielen. Bernd Storck, Kasachstans deutscher Nationaltrainer, hatte Schmidtgal übers Internet ausfindig gemacht. Beim 0:2 gegen Belgien gab Schmidtgal sein Länderspiel-Debüt. Den Start in die Qualifikation Anfang September hatte der 24-Jährige noch verpasst: Sein Pass und damit die Spielerlaubnis lagen noch nicht vor.

Manfred Schäfer: In Australien können die Distanzen zwischen den Ortschaften mitunter etwas weiter ausfallen. Manfred Schäfer weiß das nur zu gut. Mit seiner Familie wanderte der damals 14-Jährige 1957 von Bremen nach Australien aus. In Sydney begann Schäfer mit dem Fußballspielen und wurde später Nationalspieler in Australien. Da dort die Verdienstmöglichkeiten für Fußballer zu dieser Zeit eher bescheiden ausfielen, arbeitete Schäfer hauptberuflich als Milchmann. Die langen Strecken auf seiner Lieferroute legte er zu Fuß zurück. Manchmal lief Schäfer mehr als 30 Kilometer am Tag. Als sich die australische Mannschaft für die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland qualifizierte, war Schäfer der mit Abstand fitteste Spieler im Kader der Australier. Mit dem Team seiner Wahlheimat traf er in der Vorrunde gleich zweimal auf Deutschland: einmal auf die Bundesrepublik und einmal auf die DDR. Gegen die Bundesrepublik sollte Schäfer als Vorstopper Gerd Müller bewachen: Schäfer war der Aufgabe nicht gewachsen, Müller erzielte beim 3:0-Sieg der Deutschen einen Treffer. Später gab es gegen die DDR mit 0:2 eine weitere Niederlage. Da half Schäfer auch seine Fitness nicht.

Rainer Rauffmann: In Meppen, dem ewigen Synonym für fußballerische Zweitklassigkeit, war Rainer Rauffmann als passabler Torjäger bekannt. Dann wechselte er in die Bundesliga, erst zu Eintracht Frankfurt und später zu Arminia Bielefeld – und musste erkennen, dass es in Deutschland wohl doch nicht zu einer Karriere als Topstürmer reichen wird. Rauffmann ging nach Zypern zu Omonia Nikosia. Sonne und Strand reizten ihn, dass es aber ein Abschied für immer werden sollte, ahnte Rauffmann damals nicht. In Nikosia wurde der Angreifer ein Volksheld, in 152 Spielen erzielte Rauffmann 181 Tore. Vier Jahre hintereinander wurde er Torschützenkönig auf Zypern und erhielt 2002 die zyprische Staatsbürgerschaft. Rauffmann lief noch fünfmal für das Nationalteam Zyperns auf und erzielte auch dort drei Treffer. Als er 2004 seine Karriere im Alter von 37 Jahren beendete, feierte ihn das Publikum mit minutenlangen „Danke, verrückter Deutscher“-Sprechchören. Rauffmann lebt heute mit seiner zyprischen Frau in Nikosia und ist dort bei seinem alten Verein Omonia als Trainer tätig.

Sebastian Boenisch: Der Profi von Werder Bremen und Kevin-Prince Boateng haben mehr gemeinsam, als man vermuten könnte. Beide spielten im Nachwuchs für Deutschland und entschieden sich später gegen das Land, in dem sie aufgewachsen sind. Boateng spielt heute für Ghana, Boenisch für Polen. Möglich wurde das, weil die Fifa ihre Bestimmungen änderte und damit erlaubte, den Verband noch zu wechseln, auch wenn man bei den Junioren schon für ein anderes Nationalteam gespielt hat. Für Boenisch, den Linksverteidiger von Werder Bremen, ist zurzeit kein Platz im deutschen Team, deshalb entschied er sich für das Land seiner Eltern – der besseren Perspektive wegen. Die Entscheidung ist nachvollziehbar, Kevin-Prince Boateng, Heinrich Schmidtgal und viele andere Spieler haben sich ähnlich entschieden.

Jermaine Jones: Die Asienreise des Deutschen Fußball-Bundes im Jahr 2009 ist kaum der Erinnerung wert. Nur für Jermaine Jones markierte sie einen Wendepunkt. Aus Ärger über seine Nichtberücksichtigung entschied sich der Mittelfeldspieler von Schalke 04, in Zukunft für das Land seines Vaters, die USA, zu spielen. Dabei hatte Jones schon drei Länderspiele für Deutschland bestritten. Allerdings waren das nur Freundschaftsspiele, und weil die Fifa ihre Regularien inzwischen geändert hatte, wurde der Verbandswechsel für Jones möglich. Am Wochenende kam er erstmals für die USA zum Einsatz.

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