Fußball : "Ein Profi muss sich heute viel bieten lassen"

"Hass stellt sich ein, wenn Liebe enttäuscht wird": Sportphilosoph Gunter Gebauer über Guerreros Flaschenwurf und die Gefahren emotionaler Nähe zwischen Spielern und Fans.

Volle Pulle. Hamburgs Fußballprofi Paolo Guerrero wehrte sich mit einem gezielten Wurf gegen die Beschimpfungen eines Fans.
Volle Pulle. Hamburgs Fußballprofi Paolo Guerrero wehrte sich mit einem gezielten Wurf gegen die Beschimpfungen eines Fans.Fotos: dpa

Herr Gebauer, die Blockade des Mannschaftsbusses gehört in der Bundesliga langsam fast dazu. Andererseits warf der Spieler Paolo Guerrero zuletzt mit einer vollen Trinkflasche nach einem Fan und traf ihn am Kopf. Wie groß ist die Kluft zwischen Zuschauern und Fußballprofis?

Ich glaube, dass diese Zwischenfälle, bei denen die Fans aggressiv auf die Fußballer reagieren und inzwischen auch die Fußballer auf die Fans, eigentlich ein Zeichen für größere Nähe sind und nicht ein Zeichen für Entfremdung. Sie empfinden persönliche Aversionen, das tut man eigentlich nur, wenn man sich mit jemandem beschäftigt, so wie Paolo Guerrero vor seinem Wurf einen Zuschauer aus der Menge ins Auge gefasst hatte. Genau das ist 1995 passiert, bei der berühmten Episode von Eric Cantona von Manchester United, der einen Rechtsradikalen niedergetreten hat. Es wurde bekannt, dass dieser Zuschauer sich besonders brutal, aggressiv, rechtsradikal, rassistisch und antifranzösisch gebärdet hat.

Cantona wurde damals für neun Monate gesperrt, Guerrero für den Rest dieser Saison. Was muss ein Fußballprofi ertragen können?

Heute muss sich ein Profi sehr viel bieten lassen. Guerrero war sicher etwas empfindlicher, weil er lange verletzt war und wegen seiner Flugangst lange nicht aus Peru nach Deutschland zurückkehren konnte. Das spricht nicht gerade für ein hochgradig gefestigtes Selbstbewusstsein. Unflätiges Anpöbeln kann dann schon sehr stark verletzen.

Guerreros Mitspieler, der HSV-Torwart Frank Rost, hat nach dem Spiel gesagt, Guerrero habe doch gut getroffen. Der Fan müsse die Schuld auch bei sich suchen. Rost hat seine Äußerungen später relativiert, er wurde vom Klub nicht wie Guerrero mit einer Geldstrafe belegt. Aber in vielen Medien wurde sein Rauswurf, genau wie der Guerreros, gefordert.

Es ist übertrieben, Rost noch zum Schuldigen zu prägen. Manchmal ist es nicht ganz unverständlich, wenn jemand reagiert. Zum Beispiel kann ich mir vorstellen, dass man ein Revanchefoul für verständlich hält. Menschlich gesehen ist es noch am ehesten begreiflich, dass man zurückschlägt, wenn man vorher geschlagen wurde. Genau diese Reaktion, zurückzuhauen, ist beim Fußball verboten. Nichts ist hier schlimmer als ein Revanchefoul, das ist eine Rote Karte. Hingegen fordert ein instrumentelles, klinisch sauber eingesetztes Foul, was ja für den normalen Menschenverstand eine Perfidie ist, im Fußball Beifall heraus. Sie haben hier in gewisser Hinsicht eine ethisch verkehrte Welt.

Eine ethisch verkehrte Welt, von der oft gesagt wird, dass früher alles noch harmlos war. Trifft diese Bolzplatzromantik zu?

Ich kann mich als Zuschauer an Spiele der Oberliga Nord erinnern, bei denen die Beschimpfung des Gegners an der Tagesordnung war. Ich halte diese Vorstellungen für Romantik.

Und der Ton war auch schon so wie heute?

Nein, der Ton hat an Gemeinheit deutlich zugenommen. Man hat sich früher in der Öffentlichkeit nicht getraut, zu solchen Beschimpfungen zu greifen.

In Stuttgart haben Fans den Spielern gedroht, „wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot“. Beim Drittligisten Dynamo Dresden wurden einmal über Nacht auf dem Trainingsgelände elf Gruben ausgehoben und mit Holzkreuzen dekoriert, als Warnung. Wohin kann das führen?

Es ist die Frage, wie ernst man solche Rituale nimmt. Das ist zunächst ein symbolisches Gehabe, was zum Ausdruck bringen soll, dass man Fußball und Fußballergebnisse für existenziell hält. Das heißt aber nicht, dass es mehr ist als ein Ritual. Ich glaube nicht, dass in den Gruben demnächst Leichen liegen. Man will den Spielern nur deutlich machen, dass ihr Spiel ungeheuer viel zu tun hat mit dem Leben der Fans. Das ist die neue Qualität.

Eigentlich müsste es in den Stadien doch friedlicher zugehen. Es gibt mehr Bequemlichkeit und Komfort, der Eventcharakter steht im Vordergrund.

Ich glaube, dass diejenigen, die nicht friedlich sind, gerade auf Komfort keinen Wert legen. Sie möchten zu den emotionalen Ursprüngen des Fußballs zurückkehren und den Fußball zu einem grundlegenden Ereignis machen, das nicht nur den spielerischen Wert wie bei einem Event betont, sondern den Ernst. Sie wollen ihn so hart und brutal wie möglich darstellen. Deswegen nennen sich auch viele dieser Fans Ultras, sie wollen zurück zu vermeintlichen Wurzeln. Dabei war das Fußballspiel ursprünglich die Überwindung von Gewalt durch Regeln, die die Spieler selbst erfunden haben.

Gilt diese Radikalität vor allem für die sogenannten Ultras oder inzwischen auch für die anderen Zuschauer?

Das gilt nur für bestimmte Fangruppen. Auch Ultras sind heterogen. Die einen wollen das ehrliche Spiel, das unkomfortable Leben des Fans in Regen und Schnee, andere wollen zu den, wie sie meinen, gewalttätigen Quellen des Fußballs kommen. Ich glaube nicht, dass der normale Zuschauer im Stadion eine kathartische Reinigung seines Inneren veranstaltet. Das ist eine romantische Vorstellung.

Der Fan sieht sich nicht nur als Anhänger, sondern merkt auch, dass er mehr und mehr zum Konsumenten wird.

Trotzdem hat die Nähe zugenommen. Das ist aber eine emotionale Nähe. Die Zuschauer kennen die Spieler ja nicht persönlich, wie das vielleicht früher der Fall war, als man die Spieler noch anfassen konnte und man am Ende des Spiels auf den Platz durfte. Jetzt gibt es eine große Distanz, aber die Spieler werden den Fans nahe gebracht durch Porträts in den Medien, durch ständige Nachrichten, durch Berichterstattung aus dem Privaten bis hin zum Intimen. Diese fiktive Nähe ist größer, und gleichzeitig hat auch der Anspruch auf Unterhaltung zugenommen. Die Preise sind höher, das Anspruchsniveau ist generell gestiegen, weil viel mehr Geld im Spiel ist, weil mehr Möglichkeiten da sind. Der Druck im Kessel ist ungeheuer hoch.

Liegt in diesem hohen Druck begründet, dass die größere Nähe und Zuneigung so schnell ins Gegenteil umschlagen können?

Hass stellt sich ein, wenn emotionale Zuneigung oder gar Liebe der Zuschauer zu den Spielern enttäuscht wird. Das sind begreifliche Reaktionen. Die Beziehung zwischen Zuschauern und Spielern hat einen sehr privaten Charakter angenommen.

Interview: Mathias Klappenbach

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