Fußball-EM 2016 : Albanien - Schweiz: Verräter oder Patriot?

In den Neunzigern emigrierten viele Albaner in die Schweiz, heute sind sie auch in der Nationalmannschaft vertreten. In Albanien gelten sie als Verräter, in der Schweiz kämpfen sie mit Rassismus.

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Xherdan Shaqiri jubelt nach dem Abpfiff mit seinen beiden Landesflaggen, hier beim Champions League Finale 2012.
Xherdan Shaqiri jubelt nach dem Abpfiff mit seinen beiden Landesflaggen, hier beim Champions League Finale 2012.Foto: imago

Es musste alles ganz schnell gehen. Also nahm Hansruedi Hasler, Technischer Direktor im Schweizerischen Fußballverband, die Sache selbst in die Hand. Er brachte das Einbürgerungsgesuch von Milaim Rama, diesem Supertalent vom FC Thun, höchstpersönlich beim Departement Volkswirtschaft und Inneres vorbei. Es sollte, so erinnerte sich Hasler später, „ja nicht zuunterst auf dem Stapel landen“.

2003 - der erste Kosovoalbaner im schweizer Kader

Wenige Tage später, an einem Montag Anfang Juni 2003, präsentierte Rama im Schweizer Fernsehen stolz den provisorischen roten Pass. Er war nun Schweizer – und der erste Kosovoalbaner im Kader. Zum ersten Mal saß er am 11.Juni 2003 auf der Bank der Nati, es war eines von diesen Ausgerechnet-Spielen: EM-Qualifikation gegen Albanien. Seine ersten Länderspielminuten absolvierte er später gegen Russland. Auf die Frage, ob man denn wirklich auf die Hilfe von Ausländern angewiesen sei, sagte Hasler: „Es gibt viele sehr talentierte Spieler aus Ex-Jugoslawien, die hier aufwachsen.“ In einigen Jahren sei es sogar möglich, dass eine kleine Balkanauswahl für die Schweiz spielen werde.

EM-Qualifikation 2016: sechs Spieler mit albanischen Wurzeln

Hasler sollte recht behalten. In der Qualifikation zur EM 2016 kamen sechs Spieler mit albanischen Wurzeln zum Einsatz: Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri, Valon Behrami, Blerim Dzemaili, Admir Mehmedi und Pajtim Kasami. Im März 2016 bestritt zudem der Schweizalbaner Shani Tarashaj sein erstes Länderspiel.

Als sich im vergangenen Jahr abzeichnete, dass sich Albanien erstmals für die EM qualifizieren sollte, war Milaim Rama wieder ein gefragter Gesprächspartner. In der „Neuen Züricher Zeitung“ erinnerte er sich an seine Pionierarbeit: „Es gab Chapuisat, Frei, Rey – und ich stammte aus einem Land, das niemand kannte, brachte aber für die Schweiz Leistung, begeisterte die Leute.“ Womit Rama einerseits recht hatte, denn für Thun schoss er in der Saison 2002/03 zwanzig Tore.

Vaterlandsverräter nannten sie ihn

Aber nicht alle Leute waren begeistert, vor allem nicht die Fans in Albanien. Vaterlandsverräter nannten sie ihn. Die Diskussionen waren selten sachlich, und sie sind es bis heute nicht. Der Publizist Mero Baze sagt dazu: „Wir sind ein armes und unterentwickeltes Land, das Fußballer als Verräter behandelt, wenn sie für andere Mannschaften spielen, oder als Patrioten, wenn sie für Albanien antreten.“

Die angegriffenen Spieler sagten entweder gar nichts oder sie reagierten recht entspannt. Wie etwa Granit Xhaka, der befand: „Wir müssen mit den Beleidigungen umgehen können. Sie sehen uns als Verräter, und ich kann das verstehen.“ Sein Bruder, Taulant Xhaka, spielt für Albanien. Die beiden Brüder stehen sich im ersten EM-Spiel der beiden Mannschaften also in gegnerischen Teams gegenüber.

Genaue Zahlen gibt es nicht, aber es sollen rund 200.000 Menschen mit albanischen Wurzeln in der Schweiz leben. Damit stellen die Albaner neben den Schweizern, Italienern, Franzosen und Deutschen eine der größten Bevölkerungsgruppen im Alpenstaat.

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Farbenfrohes Fest. Die Eröffnungsfeier in Paris fiel am Freitagabend äußerst bunt aus. Im Stadion. Und sogar am Himmel.Weitere Bilder anzeigen
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10.06.2016 23:57Farbenfrohes Fest. Die Eröffnungsfeier in Paris fiel am Freitagabend äußerst bunt aus. Im Stadion. Und sogar am Himmel.

In der Schweiz mussten sie Rassismus ertragen

Die erste große Welle albanischer Fußballer erreichte Westeuropa Anfang der Neunziger, kurz nach dem Ende des Kommunismus. Gerade nach 1990 und zu Zeiten des Kosovokrieges schlug ihnen Skepsis entgegen, und auch die schon lange in der Schweiz lebenden Albaner der zweiten Generation mussten rassistische Sprüche ertragen. Johan Berisha, der später für die Young Boys oder den FC Thun spielen sollte, war mit seiner Familie schon Anfang der Achtziger in die Schweiz emigriert. Er besuchte eine Handelsschule, lernte Berndeutsch, spielte Fußball – eine normale Jugend, wären da nicht die ständigen Fragen gewesen, ob er in den Stutzen ein Messer stecken habe.

Nur jeder vierte Schweizer will mit Albanern arbeiten

Anfang 2015 erschien das Ergebnis einer Umfrage des Schweizer Innendepartements, nach der nur jeder Vierte im Beruf mit Albanern zu tun haben möchte, mit Italienern dagegen würde fast jeder gerne zusammenarbeiten. Im selben Jahr erreichte die nationale, rechtspopulistische Schweizer Volkspartei 29,4 Prozent Wähleranteil. Und natürlich versetzt es die besorgten Bürger in Schnappatmung, wenn wieder mal ein junger Spieler mit albanischen Wurzeln für die Schweizer Nationalelf berufen wird.

Albanien mausert sich im Fußball - ist gefragt, wie nie zuvor

Eine Sache dürfte die rechten Schreihälse froh machen: Längst nicht mehr alle Albaner entscheiden sich für das Land, in dem sie groß geworden sind, was auch daran liegt, dass die Nationalelf des kleinen Balkanstaates so gut spielt wie nie zuvor. Albaniens Nationaltrainer Gianni De Biasi sagt: „Früher mussten wir Spieler beknien, damit sie für uns spielen. Heute stehen Spielerberater Schlange vor unserer Tür und bieten uns die Spieler direkt an.“

Als Albanien als EM-Gruppengegner der Schweizer ausgelost wurde, war die Freude nicht sonderlich groß. Vielleicht weil niemand gerne über dieses Thema sprechen möchte, schließlich kann man es mit seiner Antwort niemandem recht machen.

Albanien gegen Schweiz, Samstag, 11.06.2016, 15 Uhr (ZDF). Einen Spielplan der EM 2016 finden Sie hier als kostenlosen Download!

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