Fußball-EM : Fast schon über’n Berg

Der deutsche Kader ist benannt: Joachim Löw geht mit drei Spielern zu viel ins EM-Trainingslager.

Stefan Hermanns

ZugspitzeJoachim Löw steht eigentlich nicht im Ruf, sich vor unangenehmen Angelegenheiten zu drücken. In diesen Tagen aber hat er die vielleicht schwierigste Entscheidung seiner Amtszeit als Bundestrainer an einen Untergebenen delegiert. Torwarttrainer Andreas Köpke musste in Valencia bei Timo Hildebrand anrufen, um ihm mitzuteilen, dass er nicht zum Aufgebot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz gehören wird. „Das ist mir sehr nahe gegangen“, sagte Köpke. Vor einigen Jahren noch galt der hochbegabte Hildebrand als Deutschlands erster Anwärter für die Nachfolge der Generation Kahn und Lehmann. Jetzt könnte seine Karriere in der Nationalmannschaft bereits mit 29 Jahren zu Ende sein (siehe Artikel rechts).

Hildebrand ist das prominenteste Opfer von Löws Nominierung, für ihn rückt der Leverkusener René Adler als dritter Torhüter in den EM-Kader. Auch sonst frönte der Bundestrainer einer für ihn eher untypischen Lust an Überraschungen. Was Hildebrand in negativer Hinsicht ist, ist Marko Marin in positiver. Der 19 Jahre alte Mittelfeldspieler vom Bundesligaaufsteiger Borussia Mönchengladbach ist so etwas wie der legitime Nachfolger von David Odonkor, der vor der Weltmeisterschaft 2006 aus dem Nichts in die Nationalmannschaft sprintete. „Marko hat was Besonderes“, sagte Löw über Marin. „Er besitzt eine herausragende Qualität: dieses unglaubliche Verhalten im eins gegen eins.“ Wie Adler hat jedoch auch Marin noch kein einziges Länderspiel bestritten (siehe Artikel links).

Der Gladbacher ist einer von drei Zweitligaspielern in Löws Kader. Die Frage, ob er Oliver Neuville (ebenfalls Borussia Mönchengladbach) oder Patrick Helmes (1. FC Köln) als fünften Stürmer nominiert, beantwortete er mit einem entschiedenen Neuville und Helmes.

Möglich ist das nur, weil Löw 26 Spieler in seinen vorläufigen Kader berief. Drei muss er bis zum 28. Mai noch aus seinem Aufgebot streichen. „Am 28. endet das Casting“, sagte der Bundestrainer, bis dahin sucht Deutschland den Superkader. Franz Beckenbauer hatte Löw aus leidiger Erfahrung davon abgeraten, mehr Spieler als nötig zu berufen. Für ihn sei es die schlimmste Erfahrung als Teamchef gewesen, kurz vor dem Turnier noch Spieler aussortieren zu müssen. Doch Löw ignorierte diesen Rat. „Wir wollen alle Ressourcen ausschöpfen. Wir haben das Recht und die Pflicht dazu“, sagte er. Der Bundestrainer erwartet auch im Trainingslager auf Mallorca noch einmal einen verschärften Konkurrenzkampf. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die Spieler müssen mit diesem Druck umgehen.“

Aus der Nominierung des Kaders wurde gestern wie schon vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land vor zwei Jahren eine große Show gemacht. Der Deutsche Fußball-Bund hatte auf die Zugspitze geladen. Sieben Fernsehanstalten berichteten live vom höchsten Berg Deutschlands. „Es war wichtig, dass wir eine Symbolik schaffen: Wir wollen ganz hoch hinaus“, sagte Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, in 2962 Meter Höhe. Das solle aber keine Selbstgefälligkeit oder Hochnäsigkeit ausdrücken, nach dem Motto: Wir sind schon auf dem Gipfel. Während vor zwei Jahren die möglichen Kandidaten als Pappkameraden am Rand standen, trugen diesmal Kinder der Skiclubs Garmisch und Partenkirchen die Trikots der Auserwählten in die Panorama-Lounge direkt unter dem Gipfelkreuz.

Manuel Friedrich, Christian Pander, Gonzalo Castro, Roberto Hilbert, Mike Hanke und Stefan Kießling schafften es nicht einmal in die Vorauswahl; für zwei weitere Mittelfeldspieler und einen Stürmer wird das Abenteuer EM schon nach dem Testspiel gegen Weißrussland am 27. Mai beendet sein: für Neuville oder Helmes und nach heutigem Stand für zwei der vier Mittelfeldspieler Marin, Odonkor, Piotr Trochowski und Jermaine Jones, der ebenfalls überraschend in den Kader rückte. Der Schalker verfügt über eine nur unwesentlich größere Länderspielerfahrung als Marin. Gegen die Schweiz hat er neun Minuten mitspielen dürfen.

David Odonkor fand ebenfalls etwas unerwartet Wiederaufnahme in den Turnierkader. Vor der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland war er vom damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann als Mann für bestimmte Momente auserkoren worden.

Ähnliches könnte nun auch für Marin gelten, der dribbelstark ist wie wohl kein zweiter Spieler in Löws Aufgebot. „Von so einem Spielertyp haben wir nicht allzu viele“, sagte der Bundestrainer, der mit seinem Kader dokumentiert, dass er auf möglichst viele Eventualitäten vorbereitet ist. In dieser Hinsicht ist dieser Kader ein echter Löw-Kader, akribisch geplant, genau durchdacht, richtig ausgewuchtet. Löw will sein Aufgebot als das Resultat seriöser und akribischer Vorarbeit verstanden wissen. Seit der WM vor zwei Jahren hätten er und sein Team mehr als 200 Bundesligaspiele beobachtet, dazu auch Trainingseinheiten der Ligavereine, zudem über 20 mehrtägige Treffen abgehalten, um den besten aller Kader herauszufiltern. Dass er den gefunden hat, wird aber zumindest Timo Hildebrand auf das Heftigste bestreiten.

Leitartikel: Seite 1; Kann das deutsche Team den EM-Titel holen? Seite 2

0 Kommentare

Neuester Kommentar