Sport : Fußball-EM: Oliver Bierhoff und Lothar Matthäus: Zwei Namen, ein Problem

Michael Rosentritt

Erich Ribbeck ist ein Kopfmensch. Und es scheint, als könne die viele Sonne, die hier auf Mallorca so streng scheint, ihm nichts anhaben dabei. Was die Findung einer geeigneten Formation anbelangt, sagt der Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft seit Tagen nur einen Satz: "Ich habe eine klare Vorstellung im Kopf." Die allerdings behält er exklusiv für sich. Bis auf Oliver Kahn, der konkurrenzlos das Privileg genießt, die Nummer eins im deutschen Fußballtor zu sein, kann sich keiner mehr sicher sein. Halt, zwei Ausnahmen gibt es doch. Mannschaftskapitän Oliver Bierhoff und Lothar Matthäus, der Weltrekordler in Sachen Länderspiele.

Womit wir beim eigentlichen Dilemma wären: Kapitän und Rekordler. Zwei Figuren, ein Problem. Ganz egal was am Sonnabend im Spiel gegen den EM-Teilnehmer Tschechien und wenig Tage später gegen die Fußballgroßmacht Liechtenstein passieren mag: Am 12. Juni, zum EM-Auftakt gegen Rumänien, werden beide mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auflaufen. Da kann kommen, was und wer will, der Teamchef baut seine Elf um diese Spieler herum. Selbst auf die Gefahr hin, nur die zweitbeste Mannschaft ins Rennen zu schicken. Er jedenfalls will es nicht sein, der sich vergreift an Bierhoff, der es dank seines Aussehens und seines Golden Goals beim EM-Finale 1996 gegen Tschechien zu Deutschlands bestverdienendem Werbeträger gebracht hat. Das eine Törchen bescherte Deutschland damals den EM-Titel und dem schönen Stürmer den Status "gesetzt".

Und dann ist da noch Matthäus, der, solange die Muskeln zusammenhalten, spielen wird. Ribbeck hat ihn reaktiviert, deswegen wird er nicht von der Liste gestrichen. "Ab jetzt wird der Druck zunehmen", sagt Ribbeck, "und da brauche ich Spieler, die standhalten." Was hilft da mehr als Verdienste.

Die Trainingstage und der Testkick gegen eine B-Mannschaft von Real Mallorca haben gezeigt: Es geht auch ohne die beiden, und zwar ganz gut. Im Sturm spielte das wuchtigste Duo der Liga: Jancker und Kirsten. Und auch der eingewechselte Rink hat mit zwei Toren gezeigt, was man von einem Stürmer verlangt. Ach was, sagt Ribbeck. "Jeder Depp kann Tore summieren und meinen, der Bierhoff darf nicht spielen." Der Teamchef kann mehr. "Der Oliver ist auf einem guten Weg. Und wir dürfen nicht vergessen, dass er turniererfahren ist." Erfahren wie er nun mal ist, bekommt der ladegehemmte Bierhoff nicht mal ein schlechtes Gewissen. "Wissen Sie, viele hoffen doch nur ..." Dann bricht Bierhoff ab und lässt den Satz vorsichtshalber unvollendet. Nur eins noch: "Wir Stürmer haben ein gutes Verhältnis untereinander. Der Trainer hat ja alle Möglichkeiten." Hat er, aber nutzen wird er sie nicht.

Das sieht in der Defensive genauso aus. Mit Christian Ziege auf der linken und Marko Rehmer auf der rechten Seite stehen zuverlässige Spieler mit Vorwärtsdrang bereit. Weiter innen und gegen den Gegner stehen Thomas Linke und Jens Nowotny sicher. Beide sind schneller und kopfballstärker als Lothar Matthäus. Eine solche Verteidigungslinie wäre nicht nur modern, sondern würde ein mutigere Bestückung der Kreativabteilung zulassen. "Es steht mir nicht zu, andere zu kritisieren. Ich weiß aber, was ich kann", sagt Nowotny und dreht ab.

Und Ribbeck schaut weg. Oder? Soll er sich wirklich trauen, den beliebten Werbe- gegen einen Leistungsträger zu tauschen? An Matthäus aber, "einer Institution" (Ribbeck), wird er nicht rütteln. Seine Länderspielbilanz hat Rekordhoch: 146 sind es jetzt, 150 sollen es nach der Europameisterschaft schon sein. Fehlen also noch ein Spiel am Mittwoch gegen Liechtenstein und drei bei der EM-Vorrunde.

Und danach, Herr Ribbeck?

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