Fußball-EM und Terrorgefahr : Vertrauen in die Abwehr

In knapp vier Wochen beginnt die EM. Wie sich Frankreich und Deutschland in Zeiten des Terrors auf das Großereignis vorbereiten.

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Im Stade de France in Paris findet am 10. Juni das Eröffnungsspiel der EM statt.
Im Stade de France in Paris findet am 10. Juni das Eröffnungsspiel der EM statt.Foto: imago/GEPA pictures

Mit einem umfangreichen Sicherheitskonzept wollen die Organisatoren sicherstellen, dass die EM nicht zum Ziel für Terroranschläge wird. Auch die Politik bleibt nicht untätig: In dieser Woche will die Nationalversammlung den seit den Pariser Anschlägen vom November 2015 geltenden Ausnahmezustand noch einmal bis nach der Europameisterschaft verlängern.

Kommt in Frankreich EM-Euphorie auf?

Der Sommer des Jahres 1998 ist bis heute unvergessen. Frankreich war Gastgeber bei der Fußballweltmeisterschaft und schlug Brasilien im Finale mit 3:0. In jenem Jahr wurde der Refrain aus Gloria Gaynors Hit „I will survive“, den das französische Team zu seiner Turnier-Hymne gemacht hatte, zum Ohrwurm im ganzen Land. In Anspielung an die Farben der Trikolore wurde seinerzeit auch das Schlagwort von der siegreichen multikulturellen Mannschaft aus Schwarzen, Weißen und Maghrebinern geprägt: „blackblanc-beur“. Aus heutiger Sicht wirkt die Leichtigkeit des Sommers 1998 wie eine Episode aus einer anderen Epoche: Nach den islamistischen Anschlägen in Paris im Januar und November des vergangenen Jahres ist die Terrorangst im Nachbarland weiter allgegenwärtig.

Unter diesen Umständen ist für Frankreich die Europameisterschaft ein Signal der Selbstbehauptung. So erhofft sich Staatschef François Hollande von dem vierwöchigen Turnier, das am 10. Juni beginnt, zumindest ein bisschen von dem Zauber, der auch schon einmal vor 18 Jahren über dem Land lag. Im vergangenen Monat ließ er sich mit der Äußerung zitieren, er hoffe, dass die EU „dem Land eine gute Laune geben“ werde.

Zumindest aus sportlicher Sicht stehen für Frankreich die Chance dabei gar nicht so schlecht. Die Sportzeitung „L’Equipe“ stellte schon einmal fest: Die Mannschaft um den Stürmerstar Antoine Griezmann, der seine Goalgetter-Qualitäten im Halbfinale der Champions League gegen den FC Bayern eindrucksvoll unter Beweis stellte, verfügt über größere internationale Erfahrung als bei der Weltmeisterschaft in Brasilien vor zwei Jahren. Damals schied Frankreich im Viertelfinale gegen Deutschland aus. Diesmal, bei der EM im eigenen Land, könne Frankreich den Titel holen, sagte Griezmann „L’Equipe“.

Welche Sicherheitskontrollen wird es vor den Stadien geben?

Wenn in Frankreich am 10. Juni die Fußball-EM beginnt, werden die zehn Austragungsorte einen Monat lang an eine Art Fort Knox erinnern. Aus Furcht vor Terroranschlägen setzen die Franzosen auf maximale Überwachung der Stadien und Städte der EM. Als erste Maßnahme hat Frankreich den Ausnahmezustand über die Meisterschaft hinaus verlängert. Seit den Anschlägen vom 13. November in Paris mit 130 Toten liegt die Hauptsorge bei der EM auf dem Thema Sicherheit für die 2,5 Millionen erwarteten Besucher in den Stadien und die sieben Millionen Fans in den Fanzonen. Das Eröffnungsspiel wird ausgerechnet im Stade de France bei Paris stattfinden, wo die Attentate vom 13. November begannen. Mit einem 34-Millionen Budget und 12.000 Sicherheitskräften wappnen sich die Organisatoren gegen mögliche Anschläge bei den 51 Spielen. Organisationschef Jacques Lambert zufolge wurde alles getan, um „das höchstmögliche Sicherheitsniveau zu erreichen“. Zuständig für die Sicherheit bei der gesamten EM ist Ziad Khoury, ehemaliger Präfekt und Sicherheitsspezialist. Er betont: „Die EM hat die größte private und öffentliche Sicherheitsorganisation, die es jemals in Frankreich gab. Wir mobilisieren das Maximum unserer Kräfte.“

Die 12.000 privaten Sicherheitskräfte werden zusätzlich zu den Polizeieinheiten eingesetzt, das sind rund 30 Prozent mehr als bei Fußballspielen üblich. Wie genau der offizielle Teil der Überwachung durch die Polizeikräfte aussieht, ist derzeit noch eines der am besten gehüteten Geheimnisse in Frankreich. Das Innenministerium hält sich mit Informationen darüber zurück. Im Vorfeld wurden an den Austragungsorten von der Polizei Terroranschläge simuliert, um im Ernstfall schnell reagieren zu können.

Experten gehen allerdings davon aus, dass sich die Terroristen weiche Ziele suchen könnten, dort wo man kein Attentat erwartet. Alle Blicke sind auf die Stadien gerichtet, doch sie könnten woanders zuschlagen, so die Befürchtungen.

Die französische Polizei simulierte bei einer Großübung am 21. April einen Terrorangriff.
Die französische Polizei simulierte bei einer Großübung am 21. April einen Terrorangriff.Foto: dpa

Konkret soll es um die Stadien und Fanzonen mit Leinwänden zwei Sicherheitsringe geben. Zusätzlich zu den Sicherheitskontrollen am Eingang werden schon weit davor Absperrungen mit ersten Kontrollen eingerichtet. Ohne Ticket kommt niemand durch die erste Kontrolle. Jeder Besucher soll bei den Eingangskontrollen abgetastet werden, Metalldetektoren und Überwachungskameras werden zum Einsatz kommen. Die Zahl der Überwachungskameras wird noch erhöht. Teilweise wird es auch Sicherheitsschleusen wie an Flughäfen geben. Der Einlass in die Stadien dauert dadurch länger als vorher. Drei Stunden vorher soll damit begonnen werden.

Die Regierung verspricht maximale Sicherheit, aber die Angst vor Anschlägen bleibt. „Es ist unmöglich, ein Gegenmittel gegen Terroristen zu finden, die zu jedem Zeitpunkt mit Kalaschnikows zuschlagen könnten“, sagte ein Polizeivertreter. „Man muss die Wahrheit sagen: Ein Null-Risiko gibt es nicht", mahnte auch Pascal Boniface vom Pariser Forschungsinstitut Iris. „Sie können 1000 mögliche Ziele bewachen. Dann wird das 1001. ins Visier genommen.“

Wird es trotz der Terrorgefahr Public Viewing in Frankreich geben?

Ja. Es gibt zehn Spielorte in neun Städten im Land, und dort soll es jeweils Fanmeilen geben: Bordeaux, Lens, Lille, Lyon, Marseille, Nizza, Saint-Etienne, Toulouse und natürlich Paris. In der Hauptstadt werden die Spiele sowohl im Stade de France, wo die Anschlagsserie vom 13. November des vergangenen Jahres begann, als auch im Prinzenparkstadion ausgetragen. Bereits im März des vergangenen Jahres – also noch vor der Verhängung des Ausnahmezustandes – hatte Innenminister Bernard Cazeneuve den Präfekten in den Regionen und Départements die Anweisung erteilt, strenge Kontrollen an den Eingängen zu den Fanmeilen einzurichten. Regierungschef Manuel Valls erklärte jüngst, dass die Fanmeilen abgesperrt und an den Sicherheitsschleusen an den Eingängen Rucksäcke durchsucht würden.

In der Hauptstadt wird die Fanmeile in der Nähe des Eiffelturms auf einer Fläche eingerichtet, die so groß ist wie 30 Fußballfelder. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo erklärte bei der Vorstellung des Konzepts in der vergangenen Woche, dass die Partymeile „den höchsten Sicherheitsnormen“ genügen würde. Dagegen sagte Philippe Goujon, es sei ein „Wahnsinn“, mit der Fanmeile, die jeden Tag bis zu 92000 Menschen aufnehmen kann, potentiellen Attentätern ein Anschlagsziel zu liefern. Goujon ist Vize-Bürgermeister des 15. Arrondissements in der Nähe des Eiffelturms, und zudem war er Mitglied in der parlamentarischen Untersuchungskommission zu den Pariser Anschlägen vom vergangenen Jahr.

Was erhofft sich die Tourismusindustrie von der EM?

Trotz Terrorangst dürfte das Ereignis für Frankreichs Tourismusindustrie einträglich werden, wenn auch möglicherweise weniger als erhofft. Die meisten Tickets, rund 2,5 Millionen, wurden schon verkauft, zwei Drittel der Besucher kommen aus dem Ausland. Alle hoffen auf die EM nach dem Rückgang in der Tourismusindustrie als Folge der Attentate.

Nach den Anschlägen vom 13. November waren Hotels, Cafés und Restaurants, aber auch Museen wie der Louvre und Luxusgeschäfte spürbar leerer geworden. Vor allem die Hotels in Paris verzeichneten in den Wochen danach einen starken Rückgang, der auf 30 Prozent beziffert wurde. In den Tagen direkt nach den Attentaten waren die Einnahmen der Gastronomie in Paris sogar um 40 Prozent eingebrochen. Sechs Monate danach sieht es immer noch grau aus. Einer Studie des Tourismus-Spezialisten Forward Keys zufolge, die im März veröffentlicht wurde, gingen die Hotelreservierungen der ausländischen Besucher Anfang 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 22Prozent zurück, die Hotelreservierungen um elf Prozent. Ob die EM ein großer Tourismus-Erfolg wird, ist noch fraglich. Vanguelis Panayotis, Entwicklungsdirektor vom Marktforschungsinstitut MKG, spezialisiert auf Analysen im Hotelbereich, erklärt: „Die Reservierungen sind noch zurückhaltend.“ Die Partystimmung ist in Frankreich und vor allem in Paris noch längst nicht zurückgekehrt. Das dürfte die EM beeinflussen. Restaurantbesitzer beobachteten: Nach 22 Uhr ist Paris eine tote Stadt.

Wie wird die Lage in Deutschland sein?

Heute kommt Joachim Löw zur Fanmeile nach Berlin. Na ja, nicht direkt zur Fanmeile, es gibt ja noch keine, sie wird erst am 12. Juni am Brandenburger Tor eröffnet, wenn die deutsche Nationalmannschaft in Lille ihr erstes Spiel bei der EM gegen die Ukraine bestreitet. Weil der Bundestrainer dann aus nachvollziehbaren Gründen nicht in Berlin sein kann, zieht er seinen Besuch ein paar Wochen vor, und ein bisschen was zu erzählen hat er auch. In Berlin wird Löw heute seinen vorläufigen Kader für das Turnier bekanntgeben, als Ort der Verkündung hat er die französische Botschaft gewählt, die praktischerweise in Blickweite der Fanmeile am Brandenburger Tor liegt.

Im Gegensatz zur WM 2014 werden die Sicherheitskontrollen auf der Fanmeile in Berlin deutlich verschärft.
Im Gegensatz zur WM 2014 werden die Sicherheitskontrollen auf der Fanmeile in Berlin deutlich verschärft.Foto: picture alliance / dpa

Gäste der heutigen Veranstaltung müssen sich einer angemessenen Sicherheitsüberprüfung unterziehen, auch das ein kleiner Vorgeschmack auf den Alltag wie er vom 12. Juni an herrschen wird. Die Fanmeile unterscheidet sich schon ein wenig von der im Sommer 2014, als Deutschland bei bestem Wetter und in bester Laune den Gewinn der Weltmeisterschaft in Brasilien feierte. Die vor zwei Jahren noch eher laxen Sicherheitskontrollen werden deutlich verschärft, dazu werden sich Ordner unter die Partygäste mischen. Voluminöse Taschen sind nicht nur deshalb verboten, damit die Monopolisten an den Getränke- und Imbissständen noch bessere Geschäfte machen können. Nach den Terroranschlägen im vergangenen November beim Länderspiel der deutschen Mannschaft in Paris herrscht bei allen Festivitäten rund um den Fußball eine latente Gefahrenlage.

Es ist ohnehin gar nicht so selbstverständlich und bedarf einer Ausnahmegenehmigung, dass unter freiem Himmel und mit einiger Lautstärke gefeiert werden darf. Der Lärmschutz ist ein hohes Gut, und er wird nicht automatisch außer Kraft gesetzt, wenn in Frankreich gegen den Ball getreten wird. Es wird nämlich ziemlich spät gegen den Ball getreten. Jedes zweite Spiel bei der EM beginnt erst um 21 Uhr, bei den K.o.-Spielen ab dem Achtelfinale ist das sogar die generelle Anstoßzeit.

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