Nationalspieler Sami Khedira im Interview : "Wir müssen die Chance jetzt nutzen"
20.06.2012 12:53 UhrMehr Selbstbewusstsein dank José Mourinho
Als defensiver Mittelfeldmann spielen Sie im Herz der Mannschaft. Inwiefern hat diese Position Ihre Persönlichkeit geprägt?
Die zentrale Position bringt viele Aufgaben mit sich. Man muss verteidigen, Zweikämpfe gewinnen, die Abwehr entlasten, das Spiel gestalten und in der Offensive präsent sein. So kommt man automatisch in eine Rolle, in der man viel Verantwortung übernehmen muss, ob man will oder nicht. Wenn man das nicht tut oder nicht schafft, ist man einfach der Falsche für diese Position. Dann kommt der Nächste. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Persönlichkeit: Wenn man merkt, dass man wichtig ist, will man auch außerhalb des Platzes Verantwortung übernehmen.
Was bedeutet das konkret: Verantwortung übernehmen?
Jeder macht das auf seine Art. Man reift. Man wird erwachsener. Man nimmt Dinge vielleicht auch bewusster wahr. Man macht sich außerhalb des Platzes noch mehr Gedanken. So ist es zumindest bei mir. Da spielt auch der Wechsel nach Madrid eine Rolle. Ich habe versucht, mein Leben noch mehr in den Griff zu bekommen. Es heißt ja immer: Man hat zu sich gefunden, wenn man weiß, was man vom Leben will.
Und was ist es bei Ihnen?
Ich will selbst bestimmen, was passiert. Ich will nicht fremdbestimmt sein. Natürlich haben mir meine Eltern etwas mitgegeben, aber ich muss mich selber finden. Ich habe auch einen Berater. Er ist aber nicht mein Entscheider. Er sagt nicht zu mir: Du musst jetzt zu Real Madrid gehen, du musst das und das machen. Die letzte Entscheidung liegt zu hundert Prozent bei mir. Das ist mein Leben. Jetzt, wo mir das bewusst geworden ist, muss ich sagen, dass ich mich so am wohlsten fühle.
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Man hat den Eindruck, dass auch Ihre Körpersprache ausdruckstärker geworden ist. Hängt das auch mit Ihrem Wechsel nach Madrid zusammen?
Bestimmt. Aber es ist wichtig, zwischen gespieltem und natürlichem Selbstbewusstsein zu unterscheiden. Es reicht nicht, dass man die Brust rausstreckt und die Schultern nach hinten nimmt. Da piekst dann jemand rein, und alles fällt in sich zusammen. Das muss von innen kommen. Nur dann spürt man auch von außen diese Stärke. Das sehe ich speziell bei José Mourinho. Seine Auftritte sind nicht gespielt, die sind echt. Er lebt das. Das ist das, was mich am meisten beeindruckt und was auch meine eigene Entwicklung prägt. Du richtest dich nach so großen Persönlichkeiten wie Mourinho, wie Zidane, wie Casillas; zu Ihnen schaue ich auf, von Ihnen schaue ich mir auch gewisse Dinge ab. Das stärkt dich, führt automatisch zu mehr Selbstbewusstsein und wirkt sich letztlich auch auf die Körpersprache aus.
Merken Sie, dass Sie der Mannschaft jetzt mehr geben können?
Klar, weil ich nicht mehr zu sehr mit mir selbst beschäftigt bin. Ich weiß genau, was ich will und wo ich hin möchte, was ich im Sport erreichen will. Das meine ich, wenn ich sage, dass man weltoffen ist und einfach ein weiteres Sichtfeld hat. 2010 bei der WM war es eine ganz andere Situation. Da musste ich erstmal schauen, dass ich Fuß fasse und von der Mannschaft akzeptiert werde. Jetzt weiß ich das, ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Wenn ich mich konzentriere, werde ich mein Potenzial auch abrufen. Da muss ich keine große Angst haben. Und ich kann gleichzeitig meinen Mitspielern helfen. Das macht mir unheimlich Spaß, weil mir das meine eigene Entwicklung vor Augen führt. Ich bin jetzt nicht mehr derjenige, der noch mal nachfragen muss. Ich bin auch noch jung, keine Frage. Aber wir haben noch viel jüngere und unerfahrenere Frischlinge dabei.
Das hört sich sehr danach an, dass Ihr Weg konsequent Richtung Trainerjob geht.
Das mag sein, aber momentan beschäftigt mich das noch relativ wenig. Ich bin froh, Fußballspieler zu sein. Und wenn ich das nicht mehr sein kann, werde ich wahrscheinlich froh sein, ein Leben außerhalb des Scheinwerferlichts zu führen. Deshalb weiß ich nicht, ob Bundesliga- oder Nationaltrainer das Richtige für mich wäre. Aber da habe ich ja noch sieben, acht oder zehn Jahre Zeit, bis ich mich entscheiden muss.

































