Fussball-Essay : Zu viele Stars verpesten die Stimmung

Bei jedem Turnier ärgern kleine Fußballnationen die Favoriten. Hier erklärt Richard Møller-Nielsen, der Dänemark 1992 als Trainer zum EM-Titel führte, was Außenseiter so stark macht.

Richard Møller-Nielsen
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Ein Däne in Kopenhagen. Richard Møller-Nielsen dreht eine Ehrenrunde nach dem Gewinn des EM-Titels 1992.Foto: Imago

So sympathisch Außenseiter im Fußball oft wirken: Ich wäre immer lieber Favorit als Underdog. Schlicht und einfach aus dem Grund, weil ich dann die bessere Mannschaft hätte – schlechte Spieler sind nie ein Vorteil, das können Sie mir glauben. Ich würde bestimmt nicht nein sagen, wenn ich so starke Spieler wie Cristiano Ronaldo oder Michael Ballack in meiner Mannschaft haben könnte. Die Türken sind bei dieser EM so weit gekommen, weil sie eine Begeisterung für ihr eigenes Spiel entwickelt haben, sie wollten einfach nicht aufgeben. Und die Russen haben es geschafft, die schlimme Auftaktniederlage gegen Spanien wegzustecken. Sie spielen keinen Maschinenfußball, sondern haben das Vertrauen in ihre phänomenalen technischen Fähigkeiten und ihr direktes Spiel wiedergefunden. Natürlich hilft es auch, einen Trainer wie Guus Hiddink in der Ringecke zu haben.

Als wir 1992 mit Dänemark Europameister wurden, hatten auch wir nicht die besten Spieler. Wir hatten nicht die beste medizinische Abteilung, meine beiden Assistenten und ich waren bestimmt nicht die besten Trainer Europas. Aber trotzdem hatten wir am Ende die beste Mannschaft auf dem Platz. Weil jeder alles für das Team gegeben hat, weil sich unsere Stars ins Kollektiv eingefügt haben, weil die Ersatzspieler die Mannschaft unterstützt haben. Bei Nationen mit vielen Stars kann es schnell passieren, dass die, die draußen sitzen, die Stimmung verpesten. Da haben es Außenseiter besser.

Später wurde immer wieder geschrieben, wir wären mit einer Urlaubsmannschaft Europameister geworden. Die Wahrheit ist, dass wir zehn Tage vor unserem ersten Spiel als Nachrücker festgelegt wurden. Ich bin mit den neun Spielern, die im Ausland unter Vertrag standen, ins Trainingslager gefahren, die waren vorher tatsächlich im Urlaub. Der Rest musste noch am letzten Spieltag der dänischen Meisterschaft antreten – nur vier Tage vor unserem Auftaktspiel! Ich hatte also ein paar Spieler, die nach einer langen Saison ein paar wohlverdiente Tage Pause hatten, und ein paar, die topfit direkt aus dem Liga-Alltag kamen. Keine schlechte Mischung, wenn sie mich fragen. Ich habe den dänischen Verband sogar noch gebeten, den letzten Spieltag vorzuverlegen, um die Mannschaft früher zusammenziehen zu können. Aber das wurde abgelehnt. Mir wurde sinngemäß mitgeteilt: „Macht mal eure drei Vorrundenspiele, verliert dreimal und kommt wieder nach Hause.“ Die Erwartungen waren also selbst beim eigenen Verband gleich null. Journalisten sagten mir ins Gesicht, wir würden maximal einen Punkt holen – wenn wir Glück hätten. Aber ich hatte großes Vertrauen in meine Spieler. Dabei erwarteten uns in der Vorrunde mit England, Gastgeber Schweden und Frankreich sehr starke Gegner.

Aber wir hatten keine Zeit für Angst. Vielleicht war es ein Vorteil für uns, dass wir uns nicht monatelang den Kopf zerbrechen mussten, wie das Turnier laufen könnte. Die Favoriten haben es da immer schwerer: Der Druck ist viel größer, die Erwartungen der Fans und der Journalisten sind riesig. Große Spieler, die bei großen Vereinen unter Vertrag stehen, denken bei einem wichtigen Turnier auch gerne darüber nach, wie sie einen noch größeren Vertrag an Land ziehen können. All das lenkt ab. Außenseiter können von Spiel zu Spiel denken.

Nach dem 0:0 zum Auftakt gegen England war ich hochzufrieden, das zweite Spiel verloren wir unglücklich 0:1 gegen Schweden. Am Tag vor dem letzten Gruppenspiel gegen die Franzosen – trainiert von Michel Platini und mit Eric Cantona als Anführer – haben wir nicht trainiert, sondern sind entspannt Minigolf spielen gegangen. Unser Sponsor, die dänischen Molkereibetriebe, stiftete zwei große Käselaibe als Preis für die besten Minigolfer. Ich weiß nicht, was die Franzosen als Vorbereitung gemacht haben, das Spiel gewannen jedenfalls wir. Ich werde nie vergessen, wie Platini in der Pressekonferenz nach dem Spiel sagte, Dänemark habe „verdient gewonnen“. Dann fuhr er zurück nach Paris, wo die Guillotine schon wartete. Er wurde sofort entlassen. So ist das bei Favoriten.

Vor dem Halbfinale war ich mir nicht sicher, ob unser Gegner Holland hundertprozentig konzentriert war: Deutschland war schon ins Finale eingezogen, den Niederländern winkte eine Neuauflage des EM-Endspiels von 1988. Ich habe meinen Spielern gesagt: „Wenn wir die Holländer schlagen, sind wir die erste dänische Mannschaft, die ein großes Finale erreicht. Daran werden sich die Leute bis in alle Ewigkeit erinnern.“ Die Möglichkeit, dass wir ein Finale dann womöglich auch gewinnen könnten, habe ich bewusst weggelassen.

Meine Mannschaft von 1992 wird gerne als Big-Mac-Team bezeichnet, dass sich mit Fastfood durchs Turnier gefuttert hat. Das ist natürlich Blödsinn. Zwei Tage vor dem Halbfinale hatten wir ein ganz hervorragendes Training in Göteborg, alle Spieler waren hochkonzentriert und motiviert. Als Belohnung haben wir auf der Rückfahrt mit dem Bus überraschend bei McDonald’s angehalten. Unser Mannschaftsarzt rannte entsetzt zu mir nach vorne: „Richard, Richard! Was passiert hier?“ Ich habe gesagt: „Mach dir keine Sorgen, ich übernehme die Verantwortung.“ Die Spieler hatten ihren Spaß, Holland besiegten wir im Elfmeterschießen.

Im Gegensatz zu den Niederländern hatten wir als Außenseiter auch nicht den Druck, ständig an Vorbildern gemessen zu werden. Wenn es keine großen Mannschaften in der Vergangenheit gab, kann auch niemand sagen: Damals haben wir den schöneren Fußball gespielt, ihr ruiniert unseren Ruf. So konnte sich auch Otto Rehhagel mit Griechenland bei der EM 2004 die wunderbare Frechheit erlauben, mit Libero zu spielen – es war die richtige Maßnahme für sein Team. Man muss Rehhagel das größte Kompliment aussprechen, das man einem Trainer machen kann: Er hat damals das bestmögliche aus seinen Spielern herausgeholt. Die so genannten Fußballexperten werden immer etwas zu meckern finden. Johan Cruyff wird sich beschweren, das sei doch alles kein wahrer Fußball. Aber Geschmack spielt im Fußball keine Rolle. Ich finde ein Turnier am gelungensten, wenn am Schluss auf dem Mannschaftsfoto ein silbernes Ding funkelt.

Richard Møller-Nielsen war von 1990 bis 1996 dänischer Nationaltrainer. Aufgezeichnet von Lars Spannagel.

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