Fußball-Fans im Hauptstadt-Exil : Berlin ist mehr als Hertha und Union

Fußballverrückt in Berlin: Das muss nicht heißen, mit einem der Hauptstadtvereine zu fiebern. Zu nahezu jedem Bundesligisten findet sich ein Fanclub. Kann man dennoch Berliner sein?

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Frank Destino (hinten, 2.v.r.) ist Fan des FC Schalke 04 und lebt in der Hauptstadt: "Ich fühle mich in Berlin sauwohl und gehe hier auch nicht mehr weg. Mit dem Fanclub hole ich mir etwas aus meiner Heimat zurück." Zu seinem Fanclub "FC Blaumann" meint er: "Jeder von uns ist engagiert, deswegen sollen auch alle auf das Foto."Weitere Bilder anzeigen
Foto: Christian Wyrembek
27.07.2011 11:29Frank Destino (hinten, 2.v.r.) ist Fan des FC Schalke 04 und lebt in der Hauptstadt: "Ich fühle mich in Berlin sauwohl und gehe...

Es ist Samstag in der Hauptstadt. Der Geruch von Bier und Gegrilltem liegt in der Luft. Fußball-Zeit. Unter der Abendsonne steht Schalke 04 im Berliner Finale. Nein, es ist nicht das DFB-Pokalfinale. Es stehen sich auch nicht zwei Profiteams gegenüber. Es sind Fanclubs mit ganz eigenen Namen. Der „FC Blaumann“ spielt gegen den VfB-Stuttgart-Fanclub „Cannstatter Kurve“.

Insgesamt acht Teams, die verschiedensten Vereinen anhängen, sind dem Aufruf des Kaiserslautern-Fanclubs „Berliner Bagaasch“ nach Prenzlauer Berg gefolgt. Darunter die Düsseldorfer Fans von den „Havelpralinen“ oder die Nürnberger „clubberer 04“. Und sie mussten noch nicht einmal anreisen, um den „Bagaasch Cup 2011“ auszuspielen: All diese Fußball-Fans wohnen in der Hauptstadt. „In Gelsenkirchen könnte ich mir das nicht vorstellen“, sagt Frank Destino vom FC Blaumann kurz vor dem Finale. Der 5:0-Sieg von Schalke 04 im „offiziellen“ Pokalfinale ist an diesem Tag erst eine Woche alt. Diese habe Destino auch gebraucht, um nach dem Feiern wieder fit zu sein. Pünktlich zum Turnier, das die lange Sommerpause der Bundesliga überbrücken soll.

Und die "Blaumänner" sind noch nicht einmal die einzigen Schalker in Berlin. Seit 1999 treffen sich die Fans von "Königsblau Berlin" nicht nur zum Kicken, sondern regelmäßig zum gemeinsamen Feiern. Etwa 75 Mitglieder zählt der Fanclub heute. „Einige von uns fahren durch ganz Europa, um Schalke zu sehen: Nach Valencia, Lissabon oder auch Mailand“, sagt Udo Frey, der Präsident des Fanclubs. In ihrem Stamm-Restaurant in Wilmersdorf führt eine Treppe in den eigenen Keller. Neben zahlreichen Schalke-Fahnen findet sich hier eine Bar und jede Menge Platz für Fußballverrückte. Ein Schal an der Wand erinnert an den 5:2-Triumph der Schalker bei Inter Mailand in der vergangenen Saison. 

Im Restaurant erzählt Günther Mlodzian die Gründungsgeschichte des Fanclubs: „Der erste Präsident hatte ein Auto mit vielen Schalke-Utensilien. Eines Tages klebte ein Zettel an der Windschutzscheibe.“ Ein anderer Schalke-Fan war auf das Auto aufmerksam geworden und wollte sich mit ihm treffen. So kam es gemeinsam zur Idee, einen Fanclub zu gründen. Zwölf Jahre danach sind nur noch zwei Gründungsmitglieder dabei. 

Der heutige Präsident Udo Frey kam von Sachsen nach Berlin. Kein Ausschlusskriterium, um Schalke-Fan zu sein: „Wir würden auch Bayern aufnehmen, wenn sie Schalker sind.“ Mit Blick auf zahlreiche Fanclub-Turniere erklärt er: „So viele Fanclubs nebeneinander zu haben ist einmalig.“ Für neue Mitglieder seien sie jederzeit offen. „Viele Schalke-Fans kommen wegen der Arbeit nach Berlin und besuchen uns dann“, erzählt Katja Monien, gebürtige Potsdamerin und seit etwa 20 Jahren in der Hauptstadt. 

Dieses Fußball-Berlin zeigt sich einmal mehr beim Fanclub-Turnier in Prenzlauer Berg, wo die gute Stimmung plötzlich unterbrochen wird. Enrico Winkelmann, Mitglied der HSV-Fanszene Berlin, ist im Spiel gegen die Stuttgarter Fans unglücklich gestürzt. Er muss mit gebrochenem Oberarm ins Krankenhaus gefahren werden. Die Stimmung bleibt freundschaftlich. Spätestens beim Bundesliga-Spiel zwischen Stuttgart und dem HSV werde man sich auf ein Bier treffen, sagt Christoph Haesler, Vorsitzender des HSV-Fanclubs, später. Ersatz ist schnell gefunden. Robert Finkel, Mitglied bei „Eiserner V.I.R.U.S.“ und eigentlich Union Berlin-Fan, hilft aus. Eine positive Überraschung für die Hamburger Fans. „So konnten wir wenigstens das Turnier zu Ende spielen und den dritten Platz für Enrico sichern“, erklärt Haesler. 

Wenn der HSV in der Hauptstadt zu finden ist, wird auch der FC St. Pauli nicht fehlen. Dieser wird vertreten von den „Braun-Weißen Spreepiraten“ und trifft sich in Friedrichshain. Im Gegensatz zu den vielen anderen „Exilfans“ kommen hier fast alle aus Berlin und Umgebung. Ob aus Berlin, Hamburg oder ganz woanders her ist also egal: „Man muss lediglich einen Bezug zum Verein haben“, meint Roy Schadow. Und den haben sie: „Wir würden sogar zur Hamburg-Liga fahren, wenn St. Pauli dort spielt.“ 

Auch in Berlin gibt es Vereine, bei denen sich die St.-Pauli-Fans willkommen fühlen. Schadow hat neben seinem St. Pauli-Ticket sogar eine Dauerkarte für Union Berlin. Auch hier schließt sich das Berliner-Sein und das St.-Pauli-Gefühl nicht aus. Vor zwei Jahren organisierten sie einen Bus, um gemeinsam mit den Unionern zum Spiel des FC St. Pauli gegen die Hauptstädter zu fahren. Wie Schadow im Oktober zur Neuauflage des Spiels in Berlin gehen wird? „Ich gehe natürlich in den Gästeblock“, sagt er ohne zu zögern. 

Daniela Stemmler ergänzt, dass für den St.-Pauli-Fanclub auch soziales Engagement dazugehört: „Wir sind nicht nur eine Spaßtruppe.“ Mindestens einmal im Jahr organisieren sie ein Solikonzert, um Spenden für Projekte in Berlin zu sammeln. Auch eine jährliche Fahrradtour des Fanclubs nach Hamburg dient diesem Zweck. „Soziales Engagement war auch mit ein Gründungsgrund vor fünf Jahren“, erklärt Roy Schadow. 

Aber wie sehen das die Fans der Berliner Vereine? Robert Finkel, Union-Fan und beim Turnier kurzerhand für das HSV-Team eingesprungen, kommt aus Eisenhüttenstadt und hat keine Vorbehalte gegen „Neu-Berliner“. „Schon bevor ich nach Berlin kam, hatte ich Sympathien für Union“, erklärt er. Nun ist er Mitglied bei „Eiserner V.I.R.U.S.“ und fühlt sich nach neun Jahren in der Hauptstadt als Berliner.

Eine Frage des Gefühls, wann man Berliner ist. Markus Babbel führte Hertha BSC in der vergangenen Saison als Trainer zurück in die Bundesliga und meint als gebürtiger Münchener: „Ich bin in Berlin in allererster Linie Herthaner. Ich identifiziere mich mit dem Club, also identifiziere ich mich auch mit der Stadt.“ Berlin ist für ihn Hertha BSC. 

Doch dass die Hauptstadt viel mehr ist als Hertha, beweist nicht zuletzt der VfB-Lübeck-Fanclub, die ständige Vertretung eines Viertligisten. „Pflichttermine sind natürlich die Spiele des VfB in Berlin“, erklärt René Meintz. In der neuen Saison geht es gegen Hertha BSC II. Aber Meintz wünscht sich: „Wir würden gerne wieder gegen Union spielen.“ Die Mitglieder kommen alle aus Lübeck, aber auch zahlreiche Sympathisanten sind in Kontakt mit dem Fanclub. „Es ist egal wo jemand herkommt“, meint Sascha Engel. 

Hin und wieder treffen sich die Fanclubs auch außerhalb der Turniere. So folgte der VfB-Lübeck-Fanclub einer Einladung eines Mainzer Fanclubs in Berlin zum gemeinsamen Schauen des DFB-Pokalspiels der beiden Vereine vor zwei Jahren. „Sie hatten nicht damit gerechnet, dass Lübeck gewinnen würde“, erinnert sich Engel. 

„Mit dem Fanclub hole ich mir nostalgisch etwas aus meiner Heimat zurück“, sagt der Schalker Frank Destino kurz vor dem Finale des FC Blaumann gegen die Stuttgarter. „Ich fühle mich hier sauwohl.“ Ein Satz, der bei dem Turnier unter der Abendsonne wohl von jedem stammen könnte. Am Ende gewinnt der Stuttgart-Fanclub „Cannstatter Kurve“ 3:1 gegen die Schalker. Vielleicht hat die eine Woche doch noch nicht gereicht, um nach dem DFB-Pokalfinale wieder fit zu sein. Vielleicht ist das Ergebnis an diesem Tag aber auch gar nicht so wichtig.

Der Autor lebt als Fan und Mitglied des FC St. Pauli in Berlin.

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