Sport : Fußball-Fans protestieren: Der heilige Sonnabend

Andre Görke

"1989 Leipzig. 1995 Brent-Spar. 2001 Pro 15." Die Fußballfans rufen im Internet zur großen Demonstration auf. Und zwar für heute, bundesweit. Doch an diesem Wochenende geht es nicht gegen Staat oder Ölkonzern. Der Fanprotest richtet sich gegen die Entzerrung des Bundesligaspieltags, der durch die Live-Übertragungen der Fernsehsender zerstückelt wird. Hauptkritikpunkt ist das abendliche Sonntagsspiel, das nach Meinung vieler Fans abgeschafft werden muss. Im Olympiastadion wird der Protest auch von den Hertha-Fans unterstützt. Beim heutigen Spiel gegen 1860 München steht auf einem großen Plakat "Football is for you and me, not for fucking industry" und auf 1000 kleinen Fahnen schlicht "15 Uhr 30". Im Internet lassen sich derweil Fans feiern, die ihr Premiere-Abo zum Wochenende hin gekündigt haben. Doch was ist eigentlich so schlimm an diesen Sonntagsspielen? Da setzt man sich am frühen Abend mit den Kumpels und ein paar Bier vors Fernsehen. Man hat Zeitlupe, verschiedene Blickwinkel und freien Eintritt. Wer will, schafft es vorher noch zu Omas Sonntagskaffee. Oder zum Gottesdienst.

Doch der echte Fan will nun einmal ins Stadion. Und da ist es problematisch, wenn man mal eben so am Sonntag zum Auswärtsspiel nach Köln düst und nach durchfahrener Nacht am nächsten Morgen wieder frisch und munter am Arbeitsplatz auftauchen soll. Oder auch, wenn ein Hertha-Fan aus dem Umland kurz vor Mitternacht auf einem kleinen Bahnhof steht und merkt, dass am Sonntag der letzte Bus bereits vor zwei Stunden gefahren ist.

Doch der Fan-Protest steht für mehr. Michael Gabriel von der Koordinationsstelle der Fan-Projekte beim Deutschen Fußball-Bund in Frankfurt sagt, dass sich ein genereller Unmut regt. "Es herrscht Unzufriedenheit darüber, wie sich der Fußball entwickelt hat", sagt der 37-Jährige. "Es ist ein Überdruss an der Art und Weise wie bestimmte Interessengruppen Geld am Fußball verdienen, dessen Charakter verändern und so langsam den Platz der Fans verdrängen." Bei Hertha BSC sah das in der letzten Saison zum Beispiel so aus, dass bei Eckbällen Werbejingles eines Radiosenders liefen und die Fans nicht zu hören waren.

Auch früher gab es schon Fan-Initiativen. Zum Beispiel das "Bündnis aktiver Fußballfans", das den Rassismus im Fußball kritisierte, aber sich auch gegen die Kommerzialisierung wandte. "Reclaim the game" hieß das Motto, "Holt euch das Spiel zurück". Doch mit der Kritik an den Privatsendern, die den Spielplan diktieren, spricht die Initiative "Pro 15.30" nun auch "normale" Stadionbesucher an. Diese Entwicklung begann laut Gabriel mit "Anpfiff", dem RTL-Gegenpart zur ARD-Sportschau. "Da haben sie bereits versucht, solch künstlich, leblose Inszenierungen wie in Amerika beim Football zu schaffen", sagt Gabriel. Dann kam "ran" auf Sat 1 und nach ein paar Sendejahren und schier endlosen Werbeblöcken schrie das Fußballvolk nach der guten, alten Sportschau. "Nur haben alle vergessen, dass die staubtrocken war", sagt Gabriel. Für viele Fans war einfach früher alles besser. "Da aber hat man sich über das C-Klassen-Ambiente beim Fußball aufgeregt. Immer nur Bratwurst, immer teures Bier", sagt Gabriel. Doch die Bundesliga kickte am heiligen Sonnabend um 15 Uhr 30.

Viel erreichen können die Fans mit ihren Protesten nicht. Die Kirchmedien haben schließlich die Rechte erworben. Und verzichten möchten die Vereine nicht auf die Gelder aus dem Fernsehtopf. 25 Millionen Mark an TV-Geldern fließen allein in dieser Saison in die Kasse von Hertha BSC. Was bedeutet da noch ein ausverkauftes Stadion? Die Fans fordern die Abschaffung der Sonntags- und Montagsspiele, außerdem langfristige Spielplantermine. Nach dem Fanprotest wollen sie sich zudem mit allen Beteiligten einmal treffen.

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