Fußball-Fanzüge : Ein letztes Mal Spaß haben

Kein Alkohol bei der Auswärtsfahrt – in Niedersachsens Zügen Realität, bundesweit bald auch? Ein Bericht vom letzten Spiel mit Bier.

Dominik Bardow
Fanzug
Bier ist immer dabei. Doch damit könnte bald Schluss sein. -Foto: Imago

Die junge Frauenstimme aus den Lautsprechern klingt nervös. „Werte Fahrgäste, der Metronom führt ab nächstem Wochenende ein Alkoholkonsumverbot ein.“ Die Fußballfans im Zug lachen und johlen. „Wir bitten Sie, schon heute aus Rücksicht auf andere Fahrgäste und vor allem Kinder auf Alkohol zu verzichten.“ Ein Mann mit HSV-Kappe schüttelt lachend den Kopf und nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche, ein anderer ruft „Immerhin hat sie Bitte gesagt!“, ein Dritter: „Ich seh hier keine Kinder!“

Es ist die letzte Auswärtsfahrt mit Bier, zum Spiel des Hamburger SV in Hannover. Am Wochenende darauf, zum 15. November, führte das niedersächsische Bahnunternehmen Metronom ein Alkoholverbot in seinen Zügen ein: Ob nach Bremen, Wolfsburg, Hamburg oder Hannover – Gästefans müssen künftig trocken reisen. Und es ist mehr als das, es ist ein Vorbote. Die Deutsche Bahn lässt ausrichten, auch sie prüfe solche Maßnahmen, in Österreich gibt es Pilotprojekte mit Verboten. Eine Ära könnte bald zu Ende gehen.

Am Sonntagmorgen vor dem Spiel hallt ein „Schalala!“ durch den Hamburger Hauptbahnhof, HSV-Fahnen ragen aus der Menge, ein Mann mit blauer Pudelmütze ruft: „Auf nach Hannover!“ Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt mit dem Metronom, mit Umsteigen in Uelzen. In der Bahn herrscht Ausflugsstimmung. Partyfässchen werden angezapft, Bierkästen unter die Sitze geschoben, Einkaufstüten klirren. Einer nimmt einen Schluck Beck’s Gold und verzieht sein Gesicht: „Alter, das schmeckt so richtig scheiße.“ Sein Nachbar sagt: „Das beste Bier trinkt man morgens vor zwölf.“ Die Hamburger trinken Holsten, Astra, Beck’s, diskutieren die Lage bei allen Erst- und Zweitligisten, Jobprobleme, Rentenvorsorge. Reisen werden ins Blaue hinein geplant. „Nach Barcelona? Ist ja voll die Ochsentour!“ – „Nee, du fliegst einfach vor dem Spiel hin und direkt danach zurück – ist kürzer als die Fahrt hier.“

Ein Fahrgast auf Krücken humpelt durch den Gang. „Wenn Sie nix finden, setzen sie sich doch hier hin“, sagt ein HSV-Fan und räumt die klirrende Einkaufstüte weg. Der Mann nickt zum Dank und lässt sich auf den Sitz fallen.

An jedem Zwischenhalt steigen viele Männer und wenige Frauen in weiß- blauen Trikots zu. Sie werden begrüßt mit der Durchsage über das nahende Alkoholverbot – die Fans diskutieren aufgebracht. „Wie wollen die das denn kontrollieren?“, „Da sinkt der Zuschauerschnitt ja gleich um 5000 – die ruinieren die Bundesliga!“, „Darf man im ICE eigentlich Bier trinken?“, „ICE ist total reaktionär, Digger.“ Einer sagt: „Ich fahre demnächst mit dem Auto!“, und nimmt einen Schluck Bier. Die Studenten Arne, Malte und Julian aus Kiel wollen sich nach Bustouren erkundigen, auch wenn sie nicht glauben, dass sich jemand wirklich an das Verbot halten wird. „Wenn 80 Prozent im Zug zum Spiel wollen, müssten die ja zehn Polizisten in jedes Abteil stellen“, sagt Malte. „Die einzigen, die die erwischen werden, sind Damen-Kegelklubs.“ Er wird unterbrochen, ein junger Typ mit bleichem Gesicht und glasigem Blick, rempelt sich durch, Richtung Klo. Jakob hat die Nacht durchgemacht, Junggesellenabschied. „Und sowas ist HSV-Fan!“, ruft einer. „Den müsste man rausschmeißen!“, ein anderer. Doch Jakobs Kumpel nimmt sich des Problems an. Erst drückt er seine Zigarette aus, dann Jakob gegen die Wand, verpasst ihm, zack, links, rechts, zwei Ohrfeigen. „Jakob, benimm dich, Digger!“ Jakob benimmt sich, hockt sich hin.

In Uelzen schwemmt der Zug hunderte HSV-Anhänger auf den Bahnsteig. „Hurra, Hurra, die Hamburger sind da!“ Die Polizisten stehen Spalier, einer klopft einem Fan freundlich auf die Schulter und zeigt den Weg. Die Hamburger pflegen eine Fanfreundschaft mit Hannover, „die entspannteste Tour des Jahres“, nennt es der Student Arne.

Doch der wahre Feind ist allgegenwärtig. „Eins kann uns keiner nehmen und das ist der pure Hass auf Bremen“, gröhlen die HSV-Fans – bei Spielen gegen Werder haben die Polizisten deutlich mehr zu tun als heute.

Die Fans aber sind genervt von ihrem Krawallimage. „Wir singen, wir kleckern, aber wir machen keine Randale“, sagt Patrick, auf dem Kopf ein blondierter Irokesenschnitt, in der Hand ein Becher Wodka-Red-Bull. Am  Tag vor dem Alkoholverbot plant er, sich mit anderen HSV-Fans und Anhängern aus Hannover und Bremen im Metronom zu treffen und ein letztes Mal zu feiern. „Friedlich“, betont Patrick.

Als der doppelstöckige Anschlusszug nach Hannover die Türen öffnet, presst sich die Menschenmasse hinein. An jeder der Türen soll künftig ein Sicherheitsmann stehen und auf Alkohol kontrollieren. Im Zug drängen sich nun HSV- und Hannover-Fans aus ganz Niedersachsen. Die blau-weiße Fahne mit der schwarzen Raute wird in die Gepäckablage geklemmt. Ein Mann ohne Schneidezähne zapft sich aus seinem Landbier-Fässchen seinen Becher voll, die Hälfte geht daneben. Ein Blonder im Trikot von David Jarolim ruft im Oberdeck des Zuges: „Alle nach vorne in die erste Klasse, Alarm machen, ’n büschen hüpfen!“ Er geht in die Hocke, springt plötzlich auf und schlägt an die Zugdecke, aus der unteren Etage antworten ihm dutzende Fäuste mit lautem Klopfen.

Die anderen Fahrgäste schauen starr auf ihre Bücher oder aus dem Fenster. Es waren die Beschwerden der Pendler, die den Metronom zum Alkoholverbot veranlasst haben – und die Klagen der Zugbegleiter. Die Schaffnerin huscht durch das Abteil, den Blick nach unten, kontrolliert wird niemand. Die Fans singen: „Ein Hoch auf unsere Schaffnerin, Schaffnerin, Schaffnerin!“

Ein Sicherheitsmann, einer von sieben im Zug, eilt hinterher, ein Fan patscht ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. Nach Willen der Metronom- Gruppe sollen bald an jedem Wochenende mehr als hundert private Sicherheitsleute für Ordnung in den Zügen sorgen. Dazu soll die Bundespolizei helfen. Die Polizeigewerkschaften sind ausdrücklich für das Verbot.

Olaf ist dagegen. Er ist extra aus Hessen angereist. „Bier und Fußball gehören zusammen“, sagt der bärtige Mann mit der HSV-Kappe und zeigt stolz den Sechserpack Bier, den er als Vorrat dabei hat. „Ich arbeite hart sechs Tage die Woche, da will ich einen Tag Spaß haben.“

Den haben einige der Hamburger Fans nicht mehr, es ist bereits Mittag, sie sind eingedöst. „Nächster Halt: Hannover Hauptbahnhof“, sie wachen auf und singen. Einer mit Astra-Flasche und Zé-Roberto-Trikot sagt schuldbewusst: „Die arme Frau, die nach uns aufs Klo muss.“ Der Boden im Zug klebt, es stinkt nach abgestandenem Bier, die Mülleimer quillen über. „Wenn man sieht, wie es hier abends manchmal aussieht, kann man schon verstehen, warum die Bahngesellschaften das machen“, sagt der Student Malte und steigt mit aus. Wie viele andere hat er seine leere Bierdosen und Flaschen in eine Plastiktüte gepackt und irgendwo im Waggon liegen lassen. Die Schaffnerin trägt die Tüten und das Landbier-Fässchen hinaus zum Mülleimer auf dem Bahnsteig.

Olaf aus Hessen klebt derweil mit der Stirn am Vordersitz und schläft. Die restlichen Fans haben die Abteile schon geräumt. Dann wacht Olaf plötzlich auf, wankt aus dem Zug und kotzt auf den Bahnsteig. Schnell rappelt er sich wieder hoch, stolpert Richtung Rolltreppen, Ausgang. Das Spiel beginnt gleich, und er wollte an seinem freien Tag ja Spaß haben, solange es noch geht.


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