Sport : Fußball gucken, Wespen essen

Philipp Köster

Das Schöne am Stadionbesuch ist seine Verlässlichkeit. Ob erste oder zweite Liga, auf dem Block versammelt sich seit Jahrzehnten das immer gleiche Personal, Stammplätze gibt es beim Fußball eben auch auf der Tribüne. Und auch wenn man manchen Stadionnachbar tags darauf in der Straßenbahn nur sehr zögerlich grüßen würde, so sehr sind uns all die merkwürdigen Herren ans Herz gewachsen.

Am Wellenbrecher vor uns steht zum Beispiel immer ein älterer Mann, den wir „Udo Lattek“ nennen, weil er dem Münchner Erfolgstrainer bis auf das schüttere Resthaar gleicht. Unser Udo Lattek kommt immer auf einem Fahrrad mit knatterndem Hilfsmotor zum Stadion und erwarb sich bleibende Anerkennung in der Fanszene, weil er einst Frank Mill mit seinem Stock durch den Zaun einen mitgegeben hat. Begleitet wird er vom „Laken“, einem sagenhaft bleichen Mittdreißiger, der seit Jahrzehnten vergeblich versucht, den Block zum Platzstürmen zu überreden. Nach jeder Entscheidung gegen uns ruft das Laken mit gellender Stimme: „Den schnappen wir uns“. Aber niemand reagiert, eingeschnappt ist in der Regel nur das Laken.

Drei Reihen hinter uns postiert sich „Das Tier“. Ein Mann mit der Physiognomie einer bulgarischen Hammerwerferin und in Fankreisen längst eine Legende. Seine Lebenleistung: Er hat schon mal eine Wespe gegessen. Er ist zum Auswärtsspiel in Rostock mit dem Taxi gefahren. Er hat schon mal mit einer Polizistin Walzer auf dem Bahnsteig getanzt. Er kann sich übergeben und gleichzeitig Bier trinken. Sagenhaft.

Manchmal fragen wir uns, ob die Umstehenden auch für uns merkwürdige Spitznamen haben, wie „Brille“ oder „Arme Haut“. Wahrscheinlich nicht, wir haben schließlich in all den Jahren noch nicht mal eine Wespe gegessen.

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