Sport : Fussball im Netz: Der Börsenkindergarten

Sebastian Raedler

Als der englische Stürmer Alan Shearer seinen Kopfball aus wenigen Metern im deutschen Tor versenkte, schrien die Analysten vor ihren Bildschirmen auf. Die Börse reagierte sofort. Binnen Minuten fiel der Kurs des Papiers "Deutschland" von 90 auf 30 Punkte. Drei Tage später war die Aktie auf einem historischen Tiefstand von einem Punkt angelangt. Die Fußballbörse ribaldo7 war während der Europameisterschaft in Belgien und Holland das Lieblingsspielzeug der @-Generation. Hier vereinigten sich die Mode-Themen des Sommers: Fußball, Aktien und Internet. Doch für die Zocker gab es auf dem Parkett im Internet außer Spielerspaß nicht viel zu gewinnen.

Die Aktien der EM-Mannschaften wurden in der fiktiven Kleinstwährung Centicent gehandelt; bei jeder Transaktion flossen Pfennigbeträge. Schon die Beschränkung des Spieleinsatzes auf 50 Euro machte deutlich: Hier geht es nicht um Sportwetten, sondern um Unterhaltung mit Börsen-Feeling - und nebenbei um Wissenschaft. Denn ein Forscher-Team der Berliner Humboldt-Universität will nachweisen, dass simulierte Börsen weit präzisere Vorhersageinstrumente sind als herkömmliche Umfragen.

Der Fußballmarkt ist dem Optionshandel an der wirklichen Börse nachempfunden. Auch bei "ribaldo7.de" wurde auf ein zukünftiges Ereignis gehandelt. Doch hier wurde nicht um den Kaffeepreis im nächsten Winter gezockt, sondern um eine viel spannendere Frage: Wer gewinnt die Europameisterschaft? Nach dem Finale werden jetzt für eine Aktie des Europameisters Frankreich 1000 Centicent ausgezahlt, die übrigen Papiere verfallen.

Mit 250 Centicent führte die französische Aktie schon vor dem Endspiel gegen Italien den Markt an. Und der einstige Geheimtip Portugal schaffte in wenigen Tagen und durch viele Tore gegen England, Rumänien und Deutschland zwischenzeitlich sogar einen Kurszuwachs von über 400 Prozent.

Für die Betreiber von ribaldo7 spielt die Lust am Zocken nur eine untergeordnete Rolle. Hinter dem brasilianischen Kunstnamen stecken zwei Wissenschaftler, die mit Fußball wenig im Sinn haben: Jan Hansen, 30, und Karsten Schmidt, 30, von der Wirtschafts-Fakultät der Humboldt-Uni: "Es geht nicht nur um den Spaß. Die Spieler lernen beim Handeln und wir wiederum lernen vom Verhalten der Spieler."

Die Händler machen sich beim gebührenfreien Handeln um Pfennigbeträge angstfrei mit den Regeln des Aktienmarktes vertraut. Wer beim Betreten der künstlichen Börse angesichts der erschreckend langen Zahlenkolonnen weiche Knie bekommt, kann sich vom Computer auf einem geführten Rundgang durch die verschiedenen Handelsmöglichkeiten an die Hand nehmen lassen. Wirtschaftswissenschaftler Hansen versteht das Projekt deshalb auch als Börsenkindergarten: "Hier bekommt man den Führerschein für den Aktienhandel."

Bankhäuser stehen dem Phänomen der simulierten Aktienmärkte wohlwollend gegenüber. Beim Spiel um Centicent machen sich zukünftige Kunden mit den Gesetzen der Börse vertraut und lassen sich später von Verlusten in Euro-Größenordnung nicht so leicht abschrecken. Stefan Kröner, Vorstand der direct-Anlagebank, schwärmt: "Das ist die Vorbereitung auf den Echtfall."

Für die Forscher dagegen liefert ribaldo7 Daten über die Psychologie der Börse und erweist sich obendrein als ein innovatives Prognose-Instrument. Während Meinungsumfragen meist nur die Hoffnungen und Wünsche ihrer Teilnehmer abbilden, sind die Händler der Prognose-Börsen aus einfachem Gewinnstreben bemüht, sich die Aktie mit den höchsten Erfolgsaussichten zuzulegen. Neben der eigenen Ansicht fließen auch die diffusen Stimmungsbilder aus Gesprächen und Zeitungsartikeln in die Kaufentscheidungen mit ein und werden so von den Meinungsbörsen zu klaren Zahlen gebündelt.

Die Idee kommt aus den Vereinigten Staaten. Im Frühling 1988 saß der Wirtschaftswissenschaftler Forrest Nelson mit ein paar Freunden beim Essen, als er im Fernsehen den Sieg des Demokraten Michael Dukakis bei den Vorausscheidungen zur Präsidentenwahl sah. Über Monate hatten die Umfragen Dukakis-Widersacher Jesse Jackson zum Gewinner erklärt. Wie könne es sein, fragte man sich bei Tisch, dass die Warenterminbörse in Chicago den Weizenpreis in einem halben Jahr präzise vorhersagte, die politischen Umfragen sich jedoch dermaßen irrten? Nelson gründete an seinem Institut die erste Meinungsbörse. Bereits bei den Präsidentschaftswahlen ein halbes Jahr später sagte Nelson den Wahlsieg des Republikaners George Bush auf 0,2 Prozentpunkte genau vorher und hängte die Umfrageinstitute deutlich ab. Inzwischen sind Nelsons Vorhersagen weltweit gefragt.

Auch in Deutschland kamen Wahlbörsen nach dem Vorbild aus Idaho in Mode: Bei den Berliner Abgeordnetenhauswahlen im letzten Jahr organisierten Hansen/Schmidt "wahlbörse.de", das Aktienspiel der "Zeit" fand bei den Bundestagswahlen 1998 über 9000 Mitspieler. Beide schnitten mit ihren Prognosen deutlich besser ab als die meisten Umfrage-Institute. Dass nur um geringe Beträge gezockt wird, ist dabei unerheblich. Wissenschaftliche Untersuchungen der beim Handel gewonnenen Daten zeigen, dass sich die Qualität der Prognosen bei steigenden Einsätzen nicht verbessert. Wirtschaftswissenschaftler Hansen meint: "Sobald die Menschen um Geld spielen, machen Sie Ernst, egal wie wenig es ist."

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