Sport : Fußball in den USA: "Wie Kegeln in Europa"

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Andrei S. Markovits (52) ist Politologe, Soziologe und Sportfan. Der gebürtige Rumäne, der lange in Österreich und Deutschland lebte, lehrt an der University of Michigan, Ann Arbor. In Kürze erscheint sein Buch "Offside, Soccer and Americans Exceptionalism" (Abseits, Fußball und der amerikanische Sonderweg) bei Princeton University Press.

Herr Markovits, wer wird bei der nächsten Fußball-WM die Deutschen betreuen?

Keine Ahnung. Wozu sollte ich das wissen?

Haben die Amerikaner nichts von der deutschen Debatte um Christoph Daum und Rudi Völler mitbekommen?

Null. Uns hat das New Yorker Duell in der Baseball-Meisterschaft bewegt, dazu die Starts der Basketball- und Eishockey-Ligen NBA und NHL sowie die Football-Saison. Europäischer Fußball interessiert hier keinen. Kaum ein amerikanischer Sportjournalist kennt irgendeinen deutschen Fußballer - außer vielleicht Franz Beckenbauer.

Woran liegt das?

Die Sportkulturen in Amerika und Europa haben sich anders entwickelt. Baseball, Football, Basketball und Hockey - das sind die "Großen Vier", das ist für uns Sport. Fußball ist nur eine Betätigung. 18 Millionen Menschen spielen hier Fußball, vor allem Kinder, Jugendliche und Frauen. Aber eine Fußball-Kultur haben wir nicht.

Es gibt so viele Sportler, aber keine Kultur?

Na und, eine Menge Leute kegeln in Deutschland. Trotzdem interessiert sich keiner fürs Kegeln als Sport. Fußball hat bei uns einen Stellenwert wie Kegeln in Europa.

Wie kann eine Sportart zum Teil der Kultur werden?

Das hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von Traditionen und vom Nationalismus. Nationaler Stolz auf eine Mannschaft ist der wichtigste Treibstoff für eine neue Sport-Kultur. Die Deutschen begeistern sich doch nur für Radsport, weil Jan Ullrich bei der Tour de France vorne mitfährt.

Demnach müssten die USA erst Fußball-Weltmeister werden, damit Soccer eine Chance hat?

Mindestens. Aber selbst das dürfte nicht reichen. Nehmen wir etwa die Olympischen Spiele. Die sind alle vier Jahre ein großes Ereignis, um dann wieder zu verschwinden. Michael Johnson und Maurice Greene sind Nationalhelden für ein paar Wochen. Vielleicht sollte sich auch der Fußball auf ein paar Großereignisse konzentrieren, etwa auf die Weltmeisterschaften.

Was hat die Ausrichtung der Fußball-WM in den USA im Jahre 1994 gebracht?

Seitdem ist die Resonanz in der Presse gestiegen. Aber das Wissen um die Soccer-Liga bleibt gering. Und für Europa interessieren sich nur ein paar Soccer-Freaks. Selbst das Fachmagazin "Soccer America" präsentiert nur ein paar Spiel-Notizen aus Übersee.

Warum versucht die "Major League Soccer", ausgerechnet mit europäischen Altstars wie Matthäus populär zu werden?

Kein Mensch kennt hier Matthäus. Zu seinen Spielen kommen ein paar tausend Zuschauer. Es gibt zwei Gruppen, die in Amerika zum Fußball gehen: einerseits die obere weiße Mittelklasse, die mit Volvos zum Stadion fährt, andererseits die mittel- und lateinamerikanischen Einwanderer, die dem traditionellen Fan-Milleu in Europa ähneln.

Können Einwanderer eine Sportart populär machen?

Einwanderer haben schon 1888 eine US-Profiliga gegründet. Sie war die zweitälteste der Welt, nach der englischen. Doch im Gegensatz zum Basketball hat sich Soccer nie vom Einwanderer-Sport zum amerikanischen Sport entwickelt. In den zwanziger Jahren hatten Italiener aus St. Louis ein Fußball-Mekka gemacht. Aber diejenigen Italiener, die sich amerikanisieren wollten, sind schließlich überwiegend beim Baseball gelandet. Die anderen spielten weiterhin Soccer, aber völlig ghettoisiert.

Ist das Spiel zu langweilig?

Es fallen zu wenig Tore. Wer hat schon Lust auf 90 Minuten gepflegtes Kurzpass-Spiel im Mittelfeld. Amerikaner wollen "Scoring" - das ist wichtig für die Statistik. Der US-Sport lebt von Statistik.Welcher Linkshänder hat welche Trefferquote beim Baseball? Wie viele Yards ist eine Football-Mannschaft bei einem Spiel vorangekommen? Über solche Fragen gibt es unzählige Bücher. Wenn Amerikaner über Sport reden, reden sie über Zahlen. Beim Fußball gäbe es da nicht viel zu erzählen.

Trotzdem meint Kevin Payne, Klubchef des früheren US-Fußballmeisters D.C. United, dass Fußball in fünf Jahren das Eishockey einholen wird.

Das kann ich mir nicht vorstellen. In jeder Kultur gibt es nur einen begrenzten sportlichen Raum. Der ist in den USA schon von den "Großen Vier" besetzt. Es gibt keinen Platz mehr, weil sich die traditionellen Sportarten reproduzieren: mit neuen Helden, mit Vereinsfarben und Statistiken. Dagegen gilt Fußball als Sport mit ewiger Zukunft und abwesender Gegenwart.

Umgekehrt haben Eishockey und Basketball einen Platz in Europa erobert .

Diese Sportarten sind präsent, das ist richtig. Viele Jugendliche legen sich auch Basketball-Klamotten zu, weil sie die aus den Musikvideos von MTV kennen. Aber wenn man sich die Versuche ansieht, Football in Europa populär zu machen, dann ist das eher ein Witz. In Berlin gibt es auch ein Team, habe ich gehört. Wie heißen die?

Berlin Thunder.

Berlin Thunder, na bitte. Das klingt schon wie ein Import. Möglicherweise gehen da ein paar Leute hin, die ein Volksfest feiern wollen und die neugierig auf Cheerleaders sind. Aber das hat keinen bleibenden Wert.

Herr Markovits, für welchen Verein schlägt Ihr sportliches Herz?

Für die New Yorker Teams. Im Basketball sind es die Knicks, im Baseball mag ich sowohl die Yankees als auch die Mets.

Verfolgen Sie den Fußball in Europa?

Ja, ich bin einer dieser marginalisierten Soccer-Freaks. Im Sommer habe ich zusammen mit einem englischen Kollegen die EM verfolgt. Und beim Gucken hatte ich immer eine Fanmütze auf - von den Los Angeles Lakers.

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