Fußball in der DDR : Im Griff der Stasi

Der Fußballtrainer Jörg Berger berichtet in seiner Autobiografie von seiner Flucht aus der DDR und der Furcht vor der Staatssicherheit.

Stefan Hermanns
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Erfolg im Westen. Jörg Berger feiert mit Thomas Allofs (r.) den Klassenerhalt. Foto: p-a

Mehr als 25 Jahre sind vergangen, seitdem Falko Götz eine Europapokalreise mit dem BFC Dynamo zur Flucht in den Westen genutzt hat. Den Staat, den Götz damals verlassen hat, und seinen Unterdrückungsapparat gibt es nicht mehr, doch selbst heute redet der frühere Trainer von Hertha BSC nicht gerne über seine Flucht – als hätte er immer noch eine diffuse Angst vor der Staatssicherheit und deren Rache.

Vier Jahre vor Götz hat sich Jörg Berger auf demselben Weg in den Westen abgesetzt – und er erzählt jetzt in seiner Autobiografie „Meine zwei Halbzeiten“ ausführlich von seiner Flucht aus der DDR. Gerade weil andere sich eher zurückhaltend geäußert haben, ist seine Schilderung umso aufschlussreicher. Berger, damals Trainer der DDR-Junioren, flüchtet mit dem Zug über Belgrad, die bundesdeutsche Botschaft versorgt ihn mit einem falschen Pass mit falschem Namen – ohne die Hilfe eines jugoslawischen Grenzbeamten wäre die Flucht trotzdem gescheitert. Als er Berger alias Gerd Penzel den Pass zurückgibt, verabschiedet er sich mit den Worten: „Und nun, Herr Berger, viel Glück im Westen!“

Warum Berger trotz seiner privilegierten Stellung als Fußballtrainer und glänzender Karriereaussichten aus der DDR flüchtet, seinen Sohn und seine Eltern in Leipzig zurücklässt, mit der Aussicht, sie vielleicht nie wiederzusehen; wie er sich zuvor von der Staatssicherheit bespitzelt und gegängelt gefühlt hatte, wie sie in seine Privatsphäre eingriff – das alles beschreibt Berger sehr eindringlich. Der Arm der Stasi reicht bis in die Bundesrepublik, Berger wird weiter beschattet, er fürchtet, in die DDR entführt zu werden. Eine ehemalige Bekannte kontaktiert ihn, will sich mit ihm treffen, angeblich auch seine Mutter. Als Berger ein Angebot von Hertha BSC vorliegt, besucht ihn ein früherer Kommilitone, den er eigentlich nur flüchtig kennt. Er gibt Berger den Hinweis, dass er in der „Frontstadt“ doch sehr stark in der Öffentlichkeit stehe und „dass man ja schnell wieder in Ost-Berlin sein könne“. Berger sagt Hertha ab.

Das Schicksal des ebenfalls geflüchteten Fußballers Lutz Eigendorf, der sich in der Öffentlichkeit immer wieder abwertend über die DDR geäußert hat, ist ihm eine Warnung. Eigendorf kommt bei einem Autounfall ums Leben. Die Rache der Stasi? Vieles spricht dafür. Berger vermeidet peinlichst, das SED-Regime zu provozieren, trotzdem glaubt er, die Stasi habe versucht, ihn zu vergiften. Aus seiner Akte gehe hervor, dass die Staatssicherheit ein „aggressives Verhalten gegenüber dem Feindbild Berger“ verfolgte: „Mit großer Wahrscheinlichkeit hat mir jemand das Mittel in ein Getränk oder ins Essen getan, jemand aus meinem näheren Umfeld, dem es auch möglich war, dies in bestimmten Abständen zu tun.“

Nach der Wende erfährt Berger aus seiner Stasiakte, wer ihn bespitzelt hat, unter anderem sein vorgeblicher Freund Bernd Stange. Berger stellt ihn zur Rede, doch Stange fällt nicht mehr ein, als dass Berger das nicht verstehen müsse. „Nach diesem Gespräch habe ich nie wieder mit ihm geredet“, schreibt Berger. „Stange hatte denunziert und verraten, Menschen, die ihm nahestanden, möglicherweise in Gefahr gebracht, um daraus persönliche Vorteile zu ziehen. Dadurch war er wohl auch Nationaltrainer geworden.“

Jörg Berger ist Fußballtrainer, aber in seiner Autobiografie geht es nur am Rande um Fußball. Die drei Jahre auf Schalke, in denen er den Abstiegskandidaten in den Uefa-Cup führt, werden auf 14 Zeilen abgehandelt. Jörg Berger hat einfach spannendere Geschichten zu erzählen.

Jörg Berger: Meine zwei Halbzeiten. Ein Leben in Ost und West. Rowohlt-Verlag, 270 Seiten. 19,90 Euro.

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