Sport : Fußball in der Krise: Es wird Zeit, den DFB zu entmachten (Leitartikel)

Sven Goldmann

Die Hoffnung tendiert gegen null, aber sie trägt einen Namen: Unterhaching. Jener Vorort von München, wo Bayer Leverkusen vor vier Wochen die sicher geglaubte Deutsche Fußball-Meisterschaft zu Gunsten von Bayern München verspielt hat. Wenn also Deutschland das letzte Vorrundenspiel bei der Europameisterschaft gegen Portugal gewinnt und zugleich England gegen Rumänien verliert ... An dieses Doppelwunder mag glauben, wer will. Fast alles spricht dafür, dass die Deutschen am Dienstag ihre Abschiedsvorstellung geben werden. Und niemand kommt auf den Gedanken, dieses Schicksal als ungerecht zu bezeichnen.

Nun ist die bescheidene Leistung der Nationalmannschaft nur ein Symptom dafür, dass der Deutsche Fußball-Bund den Anschluss an die Moderne verpasst hat. Der DFB lässt sich als größter Sportverband der Welt immer noch ehrenamtlich führen, gleich den Sportkeglern und Briefmarkenfreunden. Präsident ist der Kartoffelhändler Egidius Braun. Sein designierter Nachfolger Gerhard Mayer-Vorfelder hat sich dadurch qualifiziert, dass er vom VfB Stuttgart als Präsident abgeschoben wurde, so dass jetzt ein Plätzchen für den verdienten Funktionär gefunden werden muss. Er steht für die alte Funktionärsgarde im DFB, die Innovationen noch immer mit dem Totschlag-Argument abgebügelt hat, früher sei es doch auch gegangen.

Wenn also der DFB zur Reform nicht fähig ist - und vieles deutet darauf hin -, dann muss seine Zuständigkeit reduziert werden. Vollziehen müssen diesen Schritt jene, die Erfolge und Misserfolge der Nationalmannschaft unmittelbar zu spüren bekommen: die Profiklubs. Sie stehen nach dem Debakel bei der Europameisterschaft vor der Frage: Ist uns die Nationalmannschaft wichtig? Wenn nicht, dann können sich die Deutschen künftig auf ihre Bundesliga beschränken und die Nationalmannschaft gleich abschaffen, wie es Franz Beckenbauer schon einmal vorausgesagt hat. Wenn aber den Klubs an einer repräsentativen Auswahl mit entsprechendem Werbewert liegt, dann müssen sie sich zu ihrer Verantwortung bekennen. Sie müssen die Zuständigkeit an sich reißen, den Trainer bestimmen, die Integration junger Spieler vorantreiben, Nachwuchszentren etablieren. In den ersten beiden Punkten hat der DFB versagt, in den letzten beiden die Bundesliga.

Der DFB hat vor zwei Jahren, nach der missratenen WM in Frankreich, den vom damaligen Bundestrainer Berti Vogts geforderten Neuaufbau abgelehnt und, als Vogts resigniert aufgab, den Rentner Erich Ribbeck zum Teamchef ernannt. Er verantwortet damit auch die Reaktivierung des alternden Lothar Matthäus, die Ausrichtung auf kurzfristigen Erfolg, der doch bei dem vorhanden Personal nie einer sein konnte. Die Bundesliga hingegen hat es in ihrer Gesamtheit lange Zeit nicht ernst gemeint mit der Talent-Förderung. Die meisten Klubs unterhalten erst seit ein, zwei Jahren Fußball-Internate, die sich mit den Abermillionen aus Werbe- und Fernsehverträgen schon viel früher hätten finanzieren lassen.

Wie so etwas funktioniert, das haben England und Frankreich gezeigt, zwei Nationen, die bei der Weltmeisterschaft 1994 fehlten. Sie haben die Zeit genutzt, Geld in Infrastruktur und Nachwuchs investiert und konsequent am Aufbau neuer, junger Mannschaften gearbeitet. Heute sind England und Frankreich den Deutschen so weit voraus wie noch nie. Wer das nur als Erniedrigung versteht, der hat die Herausforderung nicht begriffen. Es braucht nur Zeit und Geduld. Und wenn die nächste Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan ohne deutsche Beteiligung stattfindet.

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