Sport : Fußball in der Regenzeit

NAME

Von Christoph Biermann

D er Mann ist an diesem Sonntagmorgen schon um sieben Uhr in der Früh aufgestanden und schaut aus dem Fenster. Der Thuner See liegt ruhig, am Himmel ist keine Wolke zu sehen, Sonnenstrahlen beleuchten die Berner Alpen. Der Mann ist unzufrieden und legt sich noch einmal für zwei Stunden hin. Dann steht er wieder auf und schaut erneut aus dem Fenster. Ein wunderschöner Tag hat inzwischen Gestalt angenommen, doch der Mann geht noch unzufriedener zum Frühstück. Immer wieder blickt er nervös hinaus, erst als gegen Mittag einige Wolken aufgezogen sind und er sich Tropfen aus dem schwarzen Haar wischen kann, hellt sich seine Stimmung auf. Eine halbe Stunde später herrscht plötzlich Unruhe am Mittagstisch. Ein Freund des Mannes läuft auf ihn zu und sagt: „Es regnet, es regnet!“ Da zeigt der Mann sein glücklichstes Lächeln, denn er hat die Nachricht erhalten, auf die er so inständig gehofft hatte. „Jetzt kann nichts mehr schief gehen“, sagt er. Er wird Recht behalten.

Der Mann, der auf den Regen wartete, heißt Fritz Walter und ist der Ahnvater der deutschen Fußballtriumphe. Ein Held, der den Himmel auf seiner Seite hatte. Der große Favorit Ungarn musste das WM-Endspiel am 4. Juli 1954 in Bern gegen Deutschland allein schon deshalb verlieren, weil Fritz Walter an diesem Tag bei seinem Wetter aufspielen durfte: auf rutschigem Platz bei Schnürlregen?

Auf dem Weg zum zweiten Gewinn eines Weltmeistertitels zwei Jahrzehnte später spielte erneut das Wetter eine Rolle. Ein verregneter Sommer war das 1974 sowieso. Schon im zweiten Spiel der Finalrunde gegen Schweden musste sich die deutsche Mannschaft durch Regen und Sturm kämpfen, doch vor dem Spiel gegen Polen ergossen sich Sturzbäche über dem Waldstadion in Frankfurt. Unvergessen sind die Szenen, als Männer vom Gartenbauamt der Stadt große Walzen über den matschigen Platz schoben und die Feuerwehr das Wasser abzupumpen versuchte. Obwohl der Rasen immer noch eine Seenlandschaft war, pfiff Schiedsrichter Linemayer mit halbstündiger Verspätung trotzdem an. Vielleicht wäre es der polnischen Mannschaft um Lato und Gadocha auf einem bespielbaren Platz eher gelungen zu gewinnen, doch auch diesmal spielte der Regen für Deutschland mit, der Treffer von Gerd Müller bedeutet den Einzug ins Finale.

Beim Freiluftsport Fußball mischt sich das Wetter immer wieder ein und hat die Geschichte der Weltmeisterschaften mit geschrieben. Es mag auch mit den klimatischen Umständen zusammen hängen, dass bislang nur einmal eine süpdamerikanische Mannschaft in Europa den Weltmeistertitel gewonnen hat und noch nie eine europäische auf der anderen Seite des Globus. Allein die n Queretaro und Monterrey lassen hierzulande Erinnerung an gnadenlose Hitze in mexikanischer Höhenluft entstehen, so wie man sich in Brasilien schaudernd an die matschigen Plätze von Manchester und Liverpool als Orte des Leidens und Scheiterns erinnern dürfte.

Die kommende Weltmeisterschaft wird vielleicht die Synthese aus europäischem und amerikanischem Wetter schaffen - als schlechtestes von beiden Welten. Im Juni beginnt in Korea und Japan die Regenzeit. Die Sonne verschwindet dann hinter schweren, grauen Wolken und begnügt sich damit, für Treibhausschwüle mit 80 Prozent Luftfeuchtigkeit zu sorgen. In den Monaten Juni und Juli fallen 75 Prozent der Niederschläge. „Der Sommer ist keine gute Zeit, die Region zu bereisen“, beschließt der Reiseführer das Thema. Der Versuch der Organisatoren, die WM 2002 vorzuverlegen, scheiterte schon vor längerer Zeit. Nun müssen die Teams sich damit zurechtfinden.

Doch wer profitiert davon, wem gereicht das Wetter zum Nachteil? Scheuen etwa Saudi-Arabiens Kicker aus der Wüste jeden Tropfen vom Himmel, während sich die regengewohnten Iren über jeden ordentlichen Schauer freuen? Haben Winfried Schäfers Spieler aus Kamerun den Vorteil, in drückender Schwüle aufgewachsen zu sein? Man kann eifrig über solche Fragen spekulieren, doch sie gehen am Kern vorbei. Die einfachste Regel nämlich heißt: Alles jenseits optimaler Umstände hilft den schwächeren Mannschaften. Wenn bei angenehm milden Temperaturen und einem gut gepflegten Rasen zwei Mannschaften aufeinander treffen, sind diese Bedingungen für den Außenseiter schlecht. Dagegen können matschige Plätze, holprige Rasen oder drückende Schwüle leichter mit Kraft, Kampf und Einsatzwillen überwunden werden, den klassischen Tugenden der spielerisch unterlegenen Underdogs. Wie die Legende um das Finale von 1954 gezeigt hat.

Sollte sich das Klima bei dem kommenden Weltturnier wirklich von seiner extremen Seite zeigen, wird das den Favoriten höhere Hürden auf dem Weg zum Titel aufstellen. Ganz schnell sind Frankreich, Argentinien oder Brasilien da ausgerutscht, während eine andere Frage noch offen ist: Gibt es eigentlich ein Michael-Ballack-Wetter?

Nächsten Sonntag: Live aus dem Elfenbeinturm von Wolfram Eilenberger

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben