Fußball in WM-Land Brasilien : Die Hoffnung der Jugend

Nur Fußball kann ihm helfen, glaubt Renan Gomes, 16 Jahre alt, aus Rio. Er will raus aus der Favela, aus der Armut. So wie einst das Vorbild Zé Roberto.

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Renan Gomes fährt viermal in der Woche zum Training, eine Stunde mit dem Bus hin, eine zurück.
Renan Gomes fährt viermal in der Woche zum Training, eine Stunde mit dem Bus hin, eine zurück.Foto: Philipp Lichterbeck

Der eine sagt, und man kann die Hoffnung darin hören: „Sie nennen mich Balotelli.“ Ein wenig gleicht Renan Gomes tatsächlich dem italienische Stürmerstar, den er verehrt, weil er von ganz unten kam und ganz oben angekommen ist. So will er, Renan „Balotelli“ Gomes, es nachmachen. Er lächelt kurz, dann presst er die Lippen zusammen. Er weiß, dass seine oberen Schneidezähne schief stehen und dazwischen eine riesige Lücke ist.

Der andere heißt Zé Roberto, war brasilianischer Nationalspieler und lange Zeit mit Bayern München und dem HSV erfolgreich. Fast 40-jährig absolviert er gerade seine letzte Saison in Porto Alegre, zufrieden, in Wohlstand, mit Plänen für die Zukunft. Zé Roberto steht am Ende seiner Laufbahn, der 16-jährige Renan Gomes, vielleicht ganz am Anfang. Seine Trainer sagen über ihn: ein Riesentalent.

Profifußballer werden. Die Leidenschaft zum Beruf machen, der Armut entkommen. Es ist der Traum, den Millionen brasilianischer Jungs in den Favelas träumen. Dass nur wenige ihn verwirklichen, tut ihm keinen Abbruch.

Es ist ein strahlender Samstagmorgen, als Renan Gomes den Bus 600 besteigt und von der Cidade de Deus, einer Favela im Westen Rio de Janeiros, zu einem Fußballplatz im Zentrum fährt. Er soll dort mit seiner Fußballschule ein Spiel bestreiten. Die Fahrt dauert eine knappe Stunde, im Bus sitzen auch Gomes’ Mutter und sein kleiner Bruder.

Als einer der Ersten trifft Gomes auf dem Spielfeld ein, ein kleiner Kunstrasenplatz neben einem Shoppingcenter. Kurz darauf kommen die beiden Trainer. Sie bringen Trikots mit, auf denen der Stern von Rios Erstligaverein Botafogo prangt. Der Traditionsklub vergibt seinen Namen in einer Art Franchise-System: „Sterne der Zukunft Botafogo“ darf sich Renan Gomes’ Fußballschule vielversprechend nennen. Zwei ehemalige Spieler seines Teams trainieren schon mit dem Nachwuchs von Botafogo.

"Einer unserer Besten", sagt der Trainer

Der Monatsbeitrag bei den „Sternen“ liegt bei umgerechnet 30 Euro, aber Jungs aus armen Familien wird er erlassen – so wie Renan Gomes. Viermal in der Woche trainiert er in einer Halle im weit entfernten Stadtteil Tijuca, fährt dann insgesamt zwei Stunden mit dem Bus hin und zurück. „Er ist einer unserer Besten“, sagt einer der Trainer und raunt, dass sich heute Talentscouts angekündigt hätten.

Hunderte von Fußballschulen gibt es in Brasilien, darunter viele, die gemeinnützig arbeiten wie die „Sterne der Zukunft“. Andere unterstehen direkt den Vereinen. Sogar Drittligaklubs bilden heute aus – oft um die Spieler gewinnbringend zu verkaufen. „Der große Traum ist das Ausland, weil Löhne und Bedingungen dort als besser gelten“, sagt der deutsche Anthropologe und Fußballexperte Martin Curi, der seit einigen Jahren in Rio an der Universität lehrt. Rund 1000 brasilianische Spieler verlassen laut Fußballverband CBF jedes Jahr das Land. Die meisten gehen nicht zu europäischen Spitzenclubs, sondern werden von Vereinen in China gleich im Dutzend verpflichtet, spielen in der deutschen Regionalliga oder auf den Faröer Inseln.

Der Sport verhalf Zé Roberto zu Wohlstand. Er spielt jetzt seine letzte Saison.
Der Sport verhalf Zé Roberto zu Wohlstand. Er spielt jetzt seine letzte Saison.Foto: Philipp Lichterbeck

„Die Geschichte vom Fußballer, der beim Fallrückzieher an der Copacabana entdeckt wird, hat noch nie gestimmt“, sagt Curi. „Brasilianer besitzen kein Naturtalent, hinter dem Können steckt harte Arbeit.“

Auch Zé Robertos Karriere begann in einer Fußballschule. Heute sitzt er in der Lobby eines Hotels in São Paulo, wo sein Team Grêmio aus Porto Alegre am Vortag 1:0 verloren hat. Aber Roberto ist gelassen. Grêmio steht auf Platz vier der brasilianischen Liga, und Roberto hat gelernt, dass auf Niederlagen Siege folgen und umgekehrt. Mit Bayer Leverkusen verpasste er 2002 knapp die Deutsche Meisterschaft und den Sieg in der Champions League. Anschließend wurde er mit Bayern München viermal Meister und Pokalsieger. Das brasilianische Nationalteam verließ Roberto 2007 nach 84 Einsätzen. Später bemühte er sich um Wiederaufnahme. Vergeblich. „Man darf im Fußball nicht zurückblicken“, sagt er. „Im Leben schon.“

José Roberto da Silva wurde 1974 in der Armensiedlung Vila Ramos in São Paulo als zweitjüngstes von sechs Kindern geboren. „Durch die Staubstraßen flossen die Abwässer“, erinnert er sich. „Mein Vater verschwand, als ich zwölf war“, sagt er, „meine Mutter arbeitete in zwei Jobs, um uns durchzubringen.“

Von Kriminalität fernhalten

Sie war es, die den siebenjährigen Zé, der immerzu Ball spielte – „ich schlief sogar mit einem“ –, an der Fußballschule Pequeninos do Jockey anmeldete. Deren Motto: „Wir machen aus kleinen Kindern große Cracks und gigantische Menschen.“ Der Mitgliedsbeitrag wurde Zé erlassen, weil er zu arm war und gute Schulnoten hatte, eine Bedingung. Dennoch ging er häufig nicht zum Training, weil er den Bus zum anderthalb Stunden entfernten Klub nicht bezahlen konnte.

Zé Roberto ist ins Erzählen gekommen, er wägt seine Worte, ist ein ernster Typ, der nur selten lacht. Wenn er es tut, dann sieht man die Zahnspange, die er seit kurzem trägt. Durch die Lobby kommen seine Mitspieler vom Abendessen geschlendert. „Die meisten Kollegen stammen aus Favelas“, sagt Roberto. Neben den Alltagsproblemen gebe es dort vor allem eine große Gefahr. „Als ich in die Pubertät kam, gingen meine Freunde zu einer Drogengang“, sagt er. „Sie sahen die Klamotten, das Geld, die Mädchen, die Waffen. Drei von ihnen wurden erschossen.“ Er hielt sich von dieser Welt fern. „Ich war nachmittags in einem Hort, weil es dort umsonst zu essen gab, das hat mich wohl gerettet.“

Mit 15 Jahren bestritt Zé Roberto seinen ersten Aufnahmetest beim São Paulo FC. Er scheiterte, begann dann bei einem zwei Stunden entfernten niederklassigen Verein, die Mutter knappste das Fahrtgeld vom Lohn ab. Als Robertos Schwester 32-jährig nach einer Geburt verblutete, musste auch er zum Familieneinkommen beitragen. Er ließ das Fußballspielen sein und arbeitete als Bote in einer Firma für Druckerpatronen. „Ich verdiente ein wenig Geld und war glücklich“, sagt er.

Kurz vor dem Anpfiff stellt sich die Mannschaft von Renan Gomes im Kreis auf. Er brüllt: „Wir über allen!“ Das Team antwortet: „Nur Gott über uns!“ Als das Spiel – sieben gegen sieben in einem Fußballkäfig – beginnt, ist Gomes nervös. Ihm verspringt ein Ball bei der Annahme, er spielt einen Fehlpass, bleibt beim Dribbling im Gegner hängen. Der Trainer nimmt ihn heraus. Mit gerunzelter Stirn steht Gomes am Spielfeldrand.

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